Mein Stuhl, dein Stuhl

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Von: Jessica Hamzelou

Wenn keine Medikamente, keine Operationen helfen gegen chronische Darmerkrankungen, setzen Ärzte zunehmend auf eine gewöhnungsbedürftige Therapie: Sie übertragen den Stuhl gesunder Spender – um die Darmflora wieder ins Lot zu bringen. Mit teils überraschenden Nebenwirkungen – im Guten wie im Schlechten.

Als Thema für das nächste Tischgespräch ist dieser Beitrag eher ungeeignet – auch wenn er ein medizinisches Modethema behandelt: Stuhltransplantationen. Mit speziell aufbereiteten Fäkalien, die dem Patienten über eine Sonde eingeführt werden, lassen sich tatsächlich verschiedene Krankheiten behandeln; vor allem bei chronischen Darmerkrankungen setzt sich das Verfahren zunehmend durch. Jetzt aber ist in den USA eine Empfängerin fettleibig geworden, nachdem man ihr den Stuhl einer übergewichtigen Spenderin verabreicht hatte. Was die Frage aufwirft: Welche Nebenwirkungen könnten Stuhltransplantationen noch haben?

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Copy & Paste: Stuhltransplantationen könnten einen Mangel an wichtigen Darmbakterien wie Faecalibacterium Prausnitzii ausgleichen, der mit Immunstörungen wie Morbus Crohn in Verbindung gebracht wird.

Welche wichtige Rolle die Darmflora offenbar für die Gesundheit spielt, zeigt eine wachsende Zahl von Studien zu den vielen Bakterienstämmen, die unsere Eingeweide besiedeln. Von Asthma und Ekzemen über Diabetes bis hin zu Krebs oder Parkinson reicht die Liste der Krankheiten, die mit einem Zuviel oder Zuwenig von bestimmten Mikroben in Verbindung gebracht werden. Und mithilfe von Stuhltransplantationen soll es möglich sein, den Darm eines Erkrankten mit einer gesunden Bakterienmischung neu zu besiedeln.

Eine aktuelle Studienübersicht

The gut microbiome in health and in disease.

Shreiner AB, Kao JY, Young VB

PURPOSE OF REVIEW

Recent technological advancements and expanded efforts have led to a tremendous growth in the collective knowledge of the human microbiome. This review will highlight some of the important recent findings in this area of research.

RECENT FINDINGS

Studies have described the structure and functional capacity of the bacterial microbiome in the healthy state and in a variety of disease states. Downstream analyses of the functional interactions between the host and its microbiome are starting to provide mechanistic insights into these interactions. These data are anticipated to lead to new opportunities for diagnosis, prognosis, and treatment of a variety of human diseases.

SUMMARY

There is a fast growing collection of data describing the structure and functional capacity of the microbiome in a variety of conditions available to the research community for consideration and further exploration. Ongoing efforts to further characterize the functions of the microbiome and the mechanisms underlying host-microbe interactions will provide a better understanding of the role of the microbiome in health and disease.
Curr Opin Gastroenterol. 2015 Jan;31(1):69-75

Mindestens 80 Kliniken in den USA bieten diese Therapie bereits an. In Großbritannien muss eines der führenden Behandlungszentren wegen der hohen Nachfrage in größere Räumlichkeiten umziehen. Auch in Deutschland wächst das Interesse an der Behandlungsmethode, im Projekt MikroTrans tragen Ärzte derzeit Erfahrungswerte in einer Datenbank zusammen.

Bei ständig wiederkehrenden Clostridium-difficile-Infektionen sind die Behandlungen oft die letzte Rettung

Für Menschen, die an ständig wiederkehrenden Clostridium-difficile-Infektionen leiden, die Durchfall und Fieber verursachen und tödlich verlaufen können, sind die Behandlungen oft die letzte Rettung. Während die Infektionen nach Einnahme von Antibiotika erneut auftreten können, sind Patienten nach einer Stuhltransplantation in 90 Prozent der Fälle geheilt.

C. difficile-Behandlung in Deutschland

Clostridium-difficile-Infektion: Leitliniengerechte Diagnostik- und Behandlungsoptionen

Lübbert, Christoph; John, Endres; Müller, Lutz von

Hintergrund

Clostridium difficile (C. difficile) ist der häufigste Erreger nosokomialer und Antibiotika-assoziierter Durchfallerkrankungen. Optimierte Diagnostik-, Therapie- und Hygienealgorithmen können dazu beitragen, die Inzidenz, Morbidität und Mortalität der C.-difficile-Infektion (CDI) zu senken.

Methoden

Es wurde eine selektive Literaturrecherche in PubMed von Diagnostik- und Therapieempfehlungen (bis März 2014) mit besonderem Blick auf die aktuelle Epidemiologie in Deutschland durchgeführt.

Ergebnisse

Die Inzidenz der CDI beträgt in Deutschland 5 bis 20 Fälle pro 100 000 Einwohner. In den vergangenen Jahren wurde eine stetige Zunahme schwerer, meldepflichtiger CDI beobachtet, gleichzeitig hat sich der hochvirulente Epidemiestamm Ribotyp 027 nahezu flächendeckend in Deutschland ausgebreitet. Wichtig für das Therapie- und Hygienemanagement ist die frühzeitige Diagnosestellung mit einem sensitivem Suchtest und anschließendem Bestätigungstest für die toxigene Infektion. Spezielle Desinfektionsmaßnahmen sind aufgrund der Sporenbildung erforderlich. Die CDI-Behandlung erfolgt evidenzbasiert und abhängig von der Schwere der Infektion oral mit Metronidazol beziehungweise Vancomycin oder Fidaxomicin. Fulminante Verläufe und Rezidive erfordern spezifisch angepasste Therapiemodalitäten. Die Therapie mit fäkalen Bakterien („Stuhltransplantation“) wird nach mehrfachem Versagen der medikamentösen Rezidivbehandlung in gastroenterologischen Zentren, die mit dieser Behandlung Erfahrung haben, eingesetzt. Bei kritisch kranken Patienten verlaufen die Therapiemaßnahmen interdisziplinär und umfassen frühzeitig chirurgische Interventionen in Kombination mit medikamentöser Behandlung. Basierend auf aktuellen Leitlinien und Empfehlungen wurde ein Behandlungsalgorithmus entwickelt, der eine risikoadaptierte, individualisierte Therapie ermöglicht.

Schlussfolgerung

Die wachsende klinische und epidemiologische Bedeutung von CDI zwingt zu einer konsequenten Umsetzung multimodaler Diagnostik-, Therapie- und Hygienestandards. In den kommenden Jahren werden zusätzlich Anti-Toxin-Antikörper, Toxoid-Impfstoffe und fokussierte Bakterientherapien als neue Behandlungsoptionen der CDI entwickelt.
Dtsch Arztebl Int 2014; 111(43): 723-31

Colleen Kelly, Gastroenterologin am Miriam Hospital in Providence, Rhode Island, hat rund 200 Stuhltransplantationen bei Patienten mit C. difficile-Infektionen durchgeführt. 2010 behandelte sie eine 32-jährige Frau mit Stuhl von deren Tochter. Das Teenager-Mädchen war stark übergewichtig, sagt Kelly, aber ansonsten gesund. Der Eingriff verlief erfolgreich und befreite die Frau vollständig von der C. difficile-Infektion.

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Vielvölkerstaat: Kein Körperteil ist so dicht mit komplexen Mikroben-Gemeinschaften besiedelt wie der Darmtrakt mit seinen Furchen und Zotten.

Etwa ein Jahr später kam die Patientin wieder und klagte über extreme Gewichtszunahme. Sie war vorher stets normalgewichtig gewesen. Aber jetzt, trotz Fitness-Training und strenger Diäten – unter anderem einer ärztlich überwachten Flüssig-Protein-Diät – nahm sie immer weiter zu. „Sie kam sich vor, als hätte sich in ihrem Körper ein Schalter umgelegt“, sagt Kelly. „Egal wie viel sie trainierte oder was sie auch aß, sie nahm einfach nicht ab. Jetzt ist sie immer noch übergewichtig und sehr unglücklich damit.”

Die Abhandlung über Kellys Patientin

Weight Gain After Fecal Microbiota Transplantation

Neha Alang, Colleen R. Kelly

Abstract

Fecal microbiota transplantation (FMT) is a promising treatment for recurrent Clostridium difficile infection. We report a case of a woman successfully treated with FMT who developed new-onset obesity after receiving stool from a healthy but overweight donor. This case may stimulate further studies on the mechanisms of the nutritional-neural-microbiota axis and reports of outcomes in patients who have used nonideal donors for FMT.

Open Forum Infect Dis (Winter 2015) 2 (1)

Es ist der erste bekannte Fall von Adipositas, der offenbar auf eine Stuhltransplantation zurückzuführen ist . Da es aber eben nur ein Einzelfall war, könne sie sich in Bezug auf Ursache und Wirkung nicht sicher sein, sagt Kelly. Auch ein Antibiotikum, das die Frau damals einnahm, könnte der Grund gewesen sein, sagt der Mikrobiologe Martin Blaser von der New York University. Er fand heraus, dass diese Medikamente Fettsucht auslösen können, indem sie „gute Bakterien“ vernichten.

Bei Versuchen mit Mäusen stießen Forscher allerdings bereits auf ähnliche Ergebnisse: Schlanke Mäuse können nach Erhalt von Darmbakterien von adipösen Mäusen an Gewicht zunehmen. Und ein Team in den Niederlanden erprobte die Stuhltransplantation an stark übergewichtigen Patienten, die am metabolischen Syndrom leiden – einer Zivilisationskrankheit, die zu Diabetes führen kann, weil der Körper infolge der Überernährung den Blutzuckerspiegel nicht mehr in den Griff bekommt. Zwar nahmen die Patienten trotz der Behandlung nicht ab, ihr Stoffwechsel reagierte aber wieder empfindlicher auf Insulin und konnte Zucker besser verarbeiten.

Die Mäuse-Studie

Gut Microbiota from Twins Discordant for Obesity Modulate Metabolism in Mice

Vanessa K. Ridaura, Jeremiah J. Faith, Federico E. Rey, Jiye Cheng, Alexis E. Duncan, Andrew L. Kau, Nicholas W. Griffin, Vincent Lombard, Bernard Henrissat, James R. Bain, Michael J. Muehlbauer, Olga Ilkayeva, Clay F. Semenkovich, Katsuhiko Funai, David K. Hayashi, Barbara J. Lyle, Margaret C. Martini, Luke K. Ursell, Jose C. Clemente, William Van Treuren, William A. Walters, Rob Knight, Christopher B. Newgard, Andrew C. Heath, Jeffrey I. Gordon1

Introduction

Establishing whether specific structural and functional configurations of a human gut microbiota are causally related to a given physiologic or disease phenotype is challenging. Twins discordant for obesity provide an opportunity to examine interrelations between obesity and its associated metabolic disorders, diet, and the gut microbiota. Transplanting the intact uncultured or cultured human fecal microbiota from each member of a discordant twin pair into separate groups of recipient germfree mice permits the donors’ communities to be replicated, differences between their properties to be identified, the impact of these differences on body composition and metabolic phenotypes to be discerned, and the effects of diet-by-microbiota interactions to be analyzed. In addition, cohousing coprophagic mice harboring transplanted microbiota from discordant pairs provides an opportunity to determine which bacterial taxa invade the gut communities of cage mates, how invasion correlates with host phenotypes, and how invasion and microbial niche are affected by human diets.

Methods

Separate groups of germfree mice were colonized with uncultured fecal microbiota from each member of four twin pairs discordant for obesity or with culture collections from an obese (Ob) or lean (Ln) co-twin. Animals were fed a mouse chow low in fat and rich in plant polysaccharides, or one of two diets reflecting the upper or lower tertiles of consumption of saturated fats and fruits and vegetables based on the U.S. National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES). Ln or Ob mice were cohoused 5 days after colonization. Body composition changes were defined by quantitative magnetic resonance. Microbiota or microbiome structure, gene expression, and metabolism were assayed by 16S ribosomal RNA profiling, whole-community shotgun sequencing, RNA-sequencing, and mass spectrometry. Host gene expression and metabolism were also characterized.

Results and Discussion

The intact uncultured and culturable bacterial component of Ob co-twins’ fecal microbiota conveyed significantly greater increases in body mass and adiposity than those of Ln communities. Differences in body composition were correlated with differences in fermentation of short-chain fatty acids (increased in Ln), metabolism of branched-chain amino acids (increased in Ob), and microbial transformation of bile acid species (increased in Ln and correlated with down-regulation of host farnesoid X receptor signaling). Cohousing Ln and Ob mice prevented development of increased adiposity and body mass in Ob cage mates and transformed their microbiota’s metabolic profile to a leanlike state. Transformation correlated with invasion of members of Bacteroidales from Ln into Ob microbiota. Invasion and phenotypic rescue were diet-dependent and occurred with the diet representing the lower tertile of U.S. consumption of saturated fats, and upper tertile of fruits and vegetables, but not with the diet representing the upper tertile of saturated fats, and lower tertile of fruit and vegetable consumption. These results reveal that transmissible and modifiable interactions between diet and microbiota influence host biology.

Science 6 September 2013: Vol. 341 no. 6150


Die Studie zum Metabolischen Syndrom

Transfer of intestinal microbiota from lean donors increases insulin sensitivity in individuals with metabolic syndrome.

Vrieze A, Van Nood E, Holleman F, Salojärvi J, Kootte RS, Bartelsman JF, Dallinga-Thie GM, Ackermans MT, Serlie MJ, Oozeer R, Derrien M, Druesne A, Van Hylckama Vlieg JE, Bloks VW, Groen AK, Heilig HG, Zoetendal EG, Stroes ES, de Vos WM, Hoekstra JB, Nieuwdorp M.

Erratum in

Gastroenterology. 2013 Jan;144(1):250.

Abstract

Alterations in intestinal microbiota are associated with obesity and insulin resistance. We studied the effects of infusing intestinal microbiota from lean donors to male recipients with metabolic syndrome on the recipients’ microbiota composition and glucose metabolism. Subjects were assigned randomly to groups that were given small intestinal infusions of allogenic or autologous microbiota. Six weeks after infusion of microbiota from lean donors, insulin sensitivity of recipients increased (median rate of glucose disappearance changed from 26.2 to 45.3 μmol/kg/min; P < .05) along with levels of butyrate-producing intestinal microbiota. Intestinal microbiota might be developed as therapeutic agents to increase insulin sensitivity in humans; www.trialregister.nl; registered at the Dutch Trial Register (NTR1776).
Gastroenterology. 2012 Oct;143(4):913-6.e7

Es sei denkbar, dass auch Krankheiten wie Immunstörungen und Krebs durch die Transplantation von Stuhl übertragen werden können, sagt Kelly. „Über die Langzeitrisiken wissen wir bisher zu wenig.”

„Einige machten sich Sorgen über noch schlimmere Auswirkungen”, sagt Trevor Lawley vom Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton. „Eine Transplantation könnte möglicherweise gefährlichere Folgen haben als Adipositas.”

Auch gegen Depressionen und Haarausfall sollen Stuhltransplantationen schon geholfen haben

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Wobei die unerwarteten Folgen nicht immer negativ sein müssen. Die kanadische Mikrobiologin Emma Allen-Vercoe sagt, sie kenne mehrere Ärzte, die nach Stuhltransplantationen Nebeneffekte beobachtet, diese Einzelfälle jedoch nie gemeldet hätten. „Meine Kollegen haben schon einige interessante Dinge erlebt“, sagt Allen-Vercoe, die an der University of Guelph arbeitet. „Sie führten etwa eine Stuhltransplantation zur Behandlung einer C. difficile-Infektion durch und bemerkten: Hey, die chronische Darmentzündung ist auch verschwunden oder, hey, der Patient ist nicht mehr deprimiert.“ Auch Kelly hat ihre eigenen Geschichten. „Ich hatte mal einen Patienten, der an Haarausfall litt, seit er sechs Jahre alt war. Nach einer Stuhltransplantation wuchsen die Haare wieder. Er konnte sich sogar rasieren.“

In den USA laufen derzeit 68 angemeldete klinische Studien, in denen das Potenzial von Stuhltransplantationen zur Behandlung von Diabetes, Morbus Crohn und HIV-Infektionen untersucht wird. Momentan gibt es jedoch keine verlässlichen Zahlen darüber, bei wie vielen Menschen eine Stuhltransplantation durchgeführt wurde und bei wie vielen Nebenwirkungen aufgetreten sind. Um von anekdotischen Erfahrungsberichten hin zu sicheren Beweisen zu kommen, plant Kelly derzeit die Einführung einer US-weiten Registrierung von Stuhltransplantationen mit Nachkontrollen bis zu fünf Jahre nach der Behandlung.

Heute geht Kelly anders mit Personen um, die sich als Stuhlspender zur Verfügung stellen. „Ich bin mittlerweile sehr streng”, sagt sie. Personen, die auch nur das kleinste Gesundheitsrisiko bergen, lehnt sie ab. Dazu zählen auch Menschen mit „Parkinson, Multipler Sklerose, chronischem Müdigkeitssyndrom oder allem, bei dem wir uns nicht sicher sind.“ Darüber hinaus klärt sie mögliche Empfänger intensiv über die Risiken auf.

Mediziner rechnen mit einer wachsenden Zahl von Do-It-Yourself-Transplantationen

Es ist allerdings eher unwahrscheinlich, dass alle Patienten, die eine Stuhltransplantation empfangen, dieselben Warnungen zu hören bekommen, denn ein standardisiertes klinisches Protokoll dafür muss erst noch entwickelt werden. Und überall auf der Welt gelten andere Regularien. So sind Stuhltransplantationen in Großbritannien nicht reguliert. In den USA hat die Food and Drug Administration den Eingriff bewilligt, allerdings nur bei C. difficile-Infektionen. In Deutschland soll die neue MikroTrans-Datenbank die Grundlage bilden für Gespräche mit Behörden und Krankenkasse, die die Behandlung derzeit noch nicht erstatten.

Stuhltransplantationen in Deutschland

Nationales Register „Stuhltransplantation“ bei rezidivierender C. diff.-Infektion

Stefan Hagel

Abstract

Clostridium difficile ist in etwa 10–20 % die Ursache der Antibiotika-assoziierten Diarrhoen und die Hauptursache für Antibiotika-assoziierte Colitis (50–75 %) und pseudomembranöse Colitis (mehr als 90 %) in Krankenhäusern. Die Inzidenz von symptomatischen Clostridium difficile Infektionen hat im Verlauf der letzten 20 Jahre zugenommen. In Deutschland verdoppelte sich die Inzidenz in den Jahren 2002 bis 2006 von 1,7–3,8 auf 14,8 Fälle pro 100 000 stationärer Patienten. Ein großes Problem bei der Therapie ist die hohe Rate an Therapieversagen (z. B. Metronidazol 22 %, Vancomycin 14 %) und eine hohe Rezidivrate (Metronidazol 27 %, Vancomycin 24 %) (Vardakas et al. 2012). Im angloamerikanischen Raum wird seit einigen Jahren die Stuhltransplantation zur Wiederherstellung der Darmflora bei Versagen der konventionellen antibiotischen Therapie oder Rezidiven mit sehr gutem Ansprechen (z. T. > 90 %) eingesetzt. Berichte über erfolgreiche Stuhltransplantationen bei therapierefraktärer C. difficile-assoziierter Kolitis haben auch in Deutschland in den vergangenen Monaten, sowohl in der Fachliteratur, als auch in der Laienpresse deutlich zugenommen. Wie viele Stuhltransplantationen insgesamt bereits in Deutschland durchgeführt worden sind, ist jedoch nicht bekannt. Um dieser Frage nachzugehen wurde Anfang März gemeinsam mit der DGVS eine Umfrage unter mehr als 700 gastroenterologischen Abteilungen in Deutschland durchgeführt. Hierzu wurde vorher ein positives Ethikvotum der Ethikkommission des Universitätsklinikums Jena eingeholt, um u. a. den Datenschutzaspekten gerecht zu werden. Bereits innerhalb der ersten Woche haben mehr als 300 der angeschriebenen Personen geantwortet. Eine Zwischenauswertung zeigt, dass die Stuhltransplantation ein bisher in Deutschland wenig standardisiertes Verfahren ist. In 21 verschiedenen gastroenterologischen Kliniken und Abteilungen in Deutschland wurden bisher Stuhltransplantationen bei rezidivierender C. diff. Infektion durchgeführt. Rund 85 % der Abteilungen, in denen bisher das Verfahren noch nicht etabliert ist, würden dieses jedoch prinzipiell in Ihrer Klinik durchführen. Viele der Abteilungsleiter gaben jedoch an, dass sie aufgrund fehlender Langzeitdaten und unklarem regulatorischen Status eine solche Therapie bei Ihnen aktuell (noch) nicht durchführen würden. Aktuell ist das Verfahren beim PEI / BfArM im Gespräch einer strengeren Regulation zu unterwerfen. Gleichzeitig gibt es keine Regelung für die Finanzierung der mit dem Verfahren verbundenen zusätzlichen Kosten (u. a. Spenderscreening), welche in der meist angesteuerten DRG G67B (Gastroenteritis mit komplexer Diagnose) nicht abgedeckt sind.

Um genaue Daten zur klinischen Wirksamkeit und langfristigen Sicherheit zu erhalten, die als Ausgangspunkt für eine Diskussion mit dem PEI / BfArM und den Kostenträgern genutzt werden können, wird zur Zeit eine nationale, Internet-basierte Datenbank eingerichtet, in der Patientencharakteristika, Details zur Durchführung der Transplantation sowie das Ergebnis in pseudonymisierter Form erfasst werden (S. Hagel (Jena), A. Stallmach (Jena), C. Lübbert (Leipzig), M. Lerch (Greifswald), A. Lohse (Hamburg)). Ein längerfristiges Follow-up der Patienten ist ebenso geplant. Details hierzu werden in Kürze über die DGVS bekannt gegeben. Wir möchten Sie aber schon jetzt ganz herzlich bitten, uns hierbei weiter zu unterstützen und alle Patienten, bei denen eine Stuhltransplantation durchgeführt wurde, zu dokumentieren. Für Rückfragen oder der Absicht noch nicht erfasste Patienten in die aktuelle Umfrage einzuschließen, steht Stefan Hagel (stefan.hagel@med.uni-jena.de) zur Verfügung. Das langfristige Ziel fokussiert auf die Klärung der Indikationen, der notwendigen Spenderuntersuchungen, dem Verfahren, aber auch der Dokumentation der Langzeitergebnisse und einer adäquater Kostenerstattung unter DRG Bedingungen.

Z Gastroenterol 2014; 52(5): 515

Gleichzeitig besteht die Vermutung, dass die Zahl derer wächst, die Stuhl in Eigenregie zu Hause verpflanzen. Während Kelly davon abrät, weist Trevor Lawley darauf hin, dass dieses Feld schlichtweg nicht regulierbar ist. „Wir reden hier nicht von Medikamenten oder Spenderorganen – wir reden von Scheiße“, sagt er. „Man kann nicht kontrollieren, was jemand in seinem eigenen Badezimmer treibt.”

Lawley hofft, dass die neue Studie zum Nachdenken anregt. Bei wiederkehrenden C. difficile-Infektionen überwiegen die Vorteile, bei anderen Erkrankungen verschwimmt das Bild jedoch. „Letztendlich müssen wir eine genau definierte Gruppe von Mikroben herausarbeiten“, sagt Lawley. Er gehört einer Forschungsgruppe an, die versucht, die hilfreichen Bakterienanteile von Stuhltransplantaten zu ermitteln. Auch andere Teams und Unternehmen gehen dieses Problem an. Emma Allen-Vercoe arbeitet mit Kollegen an einer synthetischen Form der Stuhltransplantation – eine Tablette, die genau ausgewählte Bakterien enthält, die aus dem Stuhl eines gesunden Spenders entnommen wurden.

Bis dahin sollten Menschen, die mit einer Stuhltransplantation andere Erkrankungen als eine C. difficile-Infektion behandeln lassen wollen, lieber nach Alternativen Ausschau halten, sagt Emma Allen-Vercoe: „Man muss sich über die Risiken im Klaren sein.“

Auf der Suche nach Spendern
Spülen Sie kein Geld im Klo runter: Fäkalien können wertvoll sein. Die Nonprofit-Organisation OpenBiome im US-Bundesstaat Massachusetts zahlt bis zu 13.000 Dollar an geeignete Spender – die sich aber zuerst strengen Tests unterziehen müssen.

So bekommen potentielle Spender einen Fragebogen zu gesundheitlichen Risiken vorgelegt. „Unsere Spender sind häufig sehr gebildete Studenten oder Berufseinsteiger von durchschnittlich 26 Jahren“, sagt Zain Kassam, Chief Medical Officer bei OpenBiome. „Sie sind meist sportlich und gesundheitsbewusst. Und ich ermuntere sie dazu, sich gesund, ausgewogen und ballaststoffreich zu ernähren.“

Emma Allen-Vercoe von der University of Guelph in Kanada ging bei ihrer Suche nach dem perfekten Spender. Sie wollte einen künstlichen Ersatz für natürliche Stuhltransplantationen entwickeln; dafür suchte ihre Arbeitsgruppe einen Spender, der noch keine Antibiotika eingenommen hatte, keinen Alkohol trank, nicht rauchte, gesund und körperlich fit war. All diese Faktoren fanden sie schließlich bei einer Frau, die auf dem Land in Indien aufgewachsen war.

Colleen Kelly lässt keine übergewichtigen Spender mehr zu, nachdem eine Patientin Fettsucht entwickelt hatte (siehe oben). Tests an Mäusen deuten darauf hin, dass bei einer Stuhltransplantation sogar Charaktereigenschaften übertragen werden könnten. Empfänger sollten also auch das Naturell ihrer Spender mit berücksichtigen. „Ich würde mich für die schlankeste, netteste, ernährungsbewussteste Person entscheiden“, sagt Colleen Kelly. Bald werden sicher auch Promis ihre eigenen Stuhlproben für Transplantationen verkaufen, glaubt Emma Allen-Vercoe. “Klingt verrückt, aber ich wette, das macht einer.”


Wie wirkt die Darmflora auf das Gehirn?

Levels of Brain-Derived Neurotropic Factor and Behavior in Mice

Premysl Bercik, Emmanuel Denou, Josh Collins, Wendy Jackson, Jun Lu, Jennifer Jury, Yikang Deng, Patricia Blennerhassett, Joseph Macri, Kathy D. McCoy, Elena F. Verdu, Stephen M. Collins

Background & Aims

Alterations in the microbial composition of the gastrointestinal tract (dysbiosis) are believed to contribute to inflammatory and functional bowel disorders and psychiatric comorbidities. We examined whether the intestinal microbiota affects behavior and brain biochemistry in mice.

Methods

Specific pathogen–free (SPF) BALB/c mice, with or without subdiaphragmatic vagotomy or chemical sympathectomy, or germ-free BALB/c mice received a mixture of nonabsorbable antimicrobials (neomycin, bacitracin, and pimaricin) in their drinking water for 7 days. Germ-free BALB/c and NIH Swiss mice were colonized with microbiota from SPF NIH Swiss or BALB/c mice. Behavior was evaluated using step-down and light preference tests. Gastrointestinal microbiota were assessed using denaturing gradient gel electrophoresis and sequencing. Gut samples were analyzed by histologic, myeloperoxidase, and cytokine analyses; levels of serotonin, noradrenaline, dopamine, and brain-derived neurotropic factor (BDNF) were assessed by enzyme-linked immunosorbent assay.

Results

Administration of oral antimicrobials to SPF mice transiently altered the composition of the microbiota and increased exploratory behavior and hippocampal expression of BDNF. These changes were independent of inflammatory activity, changes in levels of gastrointestinal neurotransmitters, and vagal or sympathetic integrity. Intraperitoneal administration of antimicrobials to SPF mice or oral administration to germ-free mice did not affect behavior. Colonization of germ-free BALB/c mice with microbiota from NIH Swiss mice increased exploratory behavior and hippocampal levels of BDNF, whereas colonization of germ-free NIH Swiss mice with BALB/c microbiota reduced exploratory behavior.

Conclusions

The intestinal microbiota influences brain chemistry and behavior independently of the autonomic nervous system, gastrointestinal-specific neurotransmitters, or inflammation. Intestinal dysbiosis might contribute to psychiatric disorders in patients with bowel disorders.
Gastroenterology 2011;141:599–60

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