Auf der Suche nach dem Jetzt

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Wer hat an der Uhr gedreht? Immer der, der fragt. Ob die Zeit rast oder schleicht, was Gegenwart ist und was Vergangenheit, entscheiden wir selbst – mit Hirnmechanismen, die wir erst zu verstehen beginnen.

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Was ist das „Jetzt“? Aus Sicht der Physik nur eine Illusion, für uns indessen sehr real. Meistens verstehen wir darunter den gegenwärtigen Augenblick. Diesen Moment, den man nie greifen kann, weil er, kaum dass er kommt, auch schon wieder vergeht. Hat das Jetzt etwa gar keine Dauer? Aber dann würden wir auch nicht empfinden, dass die Zeit vergeht. Wir könnten auch keine Bewegungen wahrnehmen. Wir wären von unserer Umwelt komplett überfordert und handlungsunfähig, wenn das Jetzt keine Dauer hätte. Aber wie lang ist „Jetzt“?

Das klingt nach einer Frage an die Metaphysik, aber die Antworten liefern Neurowissenschaftler und Psychologen. In den letzten Jahren haben sie viele Belege dafür gefunden, dass das Jetzt durchschnittlich zwei bis drei Sekunden dauert. Das ist das Jetzt, dessen wir uns bewusst sind – die Zeitspanne, in der unser Hirn unsere Eindrücke zu einer psychologischen Gegenwart zusammenbastelt.

Das ist eine erstaunlich lange Zeitspanne, und erstaunlich ist auch ihre Entstehung. Es gibt Hinweise darauf, dass unser bewusstes Jetzt zusammengebaut wird aus einer Menge sehr kurzer, unbewusster Jetzt-Momente – wobei unser wählerisches Gehirn bei Weitem nicht alle davon Teil des großen Ganzen werden lässt. Dazu kommt: Verschiedene Hirnareale definieren das Jetzt unterschiedlich. Außerdem scheint das Jetzt flexibel zu sein zu sein – in manchen Situationen dehnt es sich aus, in anderen schrumpft es.

Das Jetzt ist also offensichtlich ein ziemlich schwammiger Begriff. Es wäre gut, wenn wir ihn klarer fassen könnten. Denn dann würden wir besser verstehen, wie unsere Zeitwahrnehmung funktioniert – und damit auch, wie wir die Welt wahrnehmen. Wenn wir zwei Ereignisse als gleichzeitig wahrnehmen, obwohl sie in Wahrheit nacheinander stattfinden, dann verfälscht das unsere Vorstellung von Ursache und Wirkung. „Unser Zeitempfinden liegt der Gesamtheit unserer bewussten Erfahrungen zugrunde“, sagt Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Wenn wir das Jetzt verstehen, dann kommen wir auch der Antwort auf die Frage näher, ob es den freien Willen gibt.

Seit Langem kennt man Hirnstrukturen, die sich an der Abfolge von Hell und Dunkel orientieren und auf dieser Grundlage Tag für Tag unsere innere Uhr neu stellen. Aber wir haben kaum eine Ahnung davon, wie das Gehirn die Minuten und Sekunden misst, die vergehen. Grundsätzlich gibt es zwei Arten der Zeitwahrnehmung, eine direkte und ein indirekte. Bei der direkten Zeitwahrnehmung schätzen wir ein, wie lange ein Ereignis dauert – und darin sind wir ziemlich gut. Die indirekte Zeitwahrnehmung legt die Dauer des Jetzt fest: Hier definiert das Gehirn den psychologischen Augenblick und strukturiert damit unsere bewusste Weltwahrnehmung.

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Die indirekte Zeitwahrnehmung erscheint schon im Ansatz widersprüchlich: Wir existieren immer im Moment – und dennoch erleben wir die Zeit als einen kontinuierlichen Weg, der aus der Vergangenheit in die Zukunft führt. Wie entsteht also aus vielen isolierten Augenblicken ein stetiger Fluss der Zeit? Wittmann hat große Datenmengen ausgewertet, die von Psychophysikern und Neurowissenschaftlern in den letzten Jahrzehnten zusammengetragen wurden. Er ist davon überzeugt, dass unser Jetzt aus mehreren Ebenen zusammengesetzt ist. Jede Ebene wird zum Baustein der darüberliegenden, bis schließlich unser Eindruck entsteht, die Zeit fließe dahin.

Wenn Wittmann Recht hat, müssen wir zuerst den unbewussten Teil unseres Jetzt verstehen, den funktionalen Augenblick. Das ist die Zeitebene, auf der wir ein Ereignis vom nächsten unterscheiden können. Unsere Sinne arbeiten hier unterschiedlich. So kann das Gehör Töne unterscheiden, die nur zwei Millisekunden auseinanderliegen, beim Sehen brauchen wir mindestens zehn Millisekunden. Um aber die Reihenfolge von äußeren Reizen wahrzunehmen, brauchen wir noch mehr Zeit: Mindestens 50 Millisekunden müssen zwischen zwei Ereignissen vergehen, damit wir zum Beispiel sagen können, welcher Ton in einer Abfolge zuerst kam.

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Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsschwellen muss unser Gehirn irgendwie miteinander in Einklang bringen, damit wir uns einen Reim auf unsere Umwelt machen können. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass Licht und Schall sich nicht mit derselben Geschwindigkeit ausbreiten – Töne und Bilder kommen also versetzt bei unseren Sinnesorganen an, selbst wenn sie von derselben Quelle ausgehen, etwa dem Menschen, der mir von der anderen Straßenseite etwas zuruft. Wie kann das Gehirn diese getrennten Reize zu einem Ereignis verbinden – dem funktionalen Augenblick?

Es scheint so, als ob das Gehirn ständig die Zukunft vorwegnimmt oder vorhersagt, und zwar sogar auf der unbewussten Ebene, wo sich alles im Rahmen von Millisekunden abspielt. Wir können das beobachten, wenn wir einen Film sehen, bei dem Ton- und Bildspur leicht versetzt ablaufen, wie das zum Beispiel bei Internetvideos manchmal passiert. Wenn diese zeitlich Verschiebung nicht größer ist als 200 Millisekunden, merken wir das irgendwann gar nicht mehr – das Gehirn geht davon aus, dass Ton und Bild eigentlich synchron sein sollten, und justiert unsere Zeitwahrnehmng entsprechend.

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Was dabei im Gehirn passiert, konnte die Neurowissenschaftlerin Virginie van Wassenhove mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen. Mit ihrer Arbeitsgruppe untersucht sie am französischen Medizinforschungszentrum Inserm, wie unser Gehirn einzelne Reize zu einem funktionalen Augenblick bündelt. Für ihre Studie setzte van Wassenhove ihre Probanden einer Abfolge von Pieptönen und Lichtblitzen aus. Jede Sekunde ein Pieps und ein Blitz – wobei diese beiden Reize nicht ganz synchron kamen, sondern immer mit einer Zeitverzögerung von 200 Millisekunden. Dabei zeigte sich, dass das Gehirn mit zwei verschiedenen elektrischen Schwingungen auf diese Reize reagierte, eine im Hörzentrum und eine in der Sehrinde. Bei beiden Schwingungen betrug die Frequenz ein Hertz, sie wiederholten sich also einmal pro Sekunde.

Anfangs waren die beiden Schwingungskurven leicht versetzt, und auch die Versuchspersonen nahmen die Piepse und Lichtblitze als versetzt wahr. Nach einer gewissen Zeit aber erklärten die Teilnehmer, dass sie nun beide Reize gleichzeitig wahrnähmen – und in diesem Moment verliefen auch die Schwingungskurven phasengleich. „Die neurologischen Veränderungen zeigen, wie sich das bewusste Zeitempfinden der Teilnehmer verändern wird“, sagt van Wassenhove. „Unsere Hypothese ist also, dass das Gehirn einen aktiven Mechanismus hat, mit dem es die zeitlichen Abläufe in seiner Umwelt verarbeitet.“ Mit anderen Worten: Wenn unser Gehirn zwei Ereignisse als gleichzeitig einstuft, sorgt es dafür, dass wir sie auch so wahrnehmen.

Damit konnte zum ersten Mal gezeigt werden, dass unsere indirekte Zeitwahrnehmung eine biologische Grundlage hat. Wir können also annehmen, dass das Gehirn schon aktiv auswählt, was zum Bestandteil des funktionalen Augenblicks wird. Und wir sind hier immer noch auf der Stufe des Unterbewusstseins. Was geschieht nun auf der Ebene des Bewusstseins, dem Erfahrungsaugenblick?

Dieser Augenblick dauert zwei bis drei Sekunden, wie der Psychologe David Melcher nachweisen konnte. Seine Arbeitsgruppe an der Universität im italienischen Trento publizierte im letzten Jahr die Ergebnisse einer Studie, bei der die Teilnehmer kurze Filme zu sehen bekamen. In einigen Abschnitten, jeweils zwischen einigen Millisekunden und mehreren Sekunden lang, waren einzelne Bilder willkürlich gemischt und vertauscht. Waren die verhackstückten Abschnitte nicht länger als 2,5 Sekunden, konnten die Probanden dem Filmgeschehen folgen, ohne dass ihnen etwas auffiel. Bei längeren Abschnitten aber reagierten sie verwirrt.

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Demnach ist das Gehirn in der Lage, auch unzusammenhängende Reize zu einem verständlichen Ereignis zusammenzubasteln, solange der zeitliche Rahmen von 2,5 Sekunden nicht überschritten wird. Melcher und seine Kollegen halten diesen Zeitrahmen für unsere subjektive Gegenwart. Sie ermöglicht uns, komplexe Abläufe bewusst wahrzunehmen.

Melcher zieht eine Parallele zu dem Phänomen, dass wir geschriebene Wörter selbst dann verstehen, wenn ein paar Buchstaben vertauscht sind oder ganz fehlen. Weil wir das Wort als Ganzes kennen, können wir die Lücken ausfüllen. Allerdings scheitern wir, wenn die Wörter davor und danach keinen Bezugsrahmen herstellen, oder wenn der erste und der letzte Buchstabe des Wortes verändert wurden. Auch was in den zwei bis drei Sekunden unseres Erfahrungsaugenblicks passiert, hält Melcher für einen Überbrückungsmechanismus: Das Gehirn schafft sich einen Ausgleich dafür, dass es mit veralteten Daten arbeitet. Denn es muss laufend Reize verarbeiten, die schon mehrere Zehntelsekunden vorher auf die Sinne eingewirkt haben. Würden wir auch mit einer derartigen Verzögerung reagieren, könnten wir nicht mehr angemessen funktionieren.

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„Was wir als den gegenwärtigen Augenblick empfinden, ist wohl eine psychologische Illusion. Sie basiert auf der Vergangenheit und einer Vorhersage der nahen Zukunft“, sagt Melcher. „Und diese Illusion ist so gut justiert, dass wir mit ihrer Hilfe diese ganzen tollen Sachen machen können: laufen, springen, Fußball spielen, Auto fahren.“

Im Filmgeschäft weiß man offenbar um die Länge des Erfahrungsaugenblicks. Wenn die Cutter aus vielen Stunden Drehmaterial den fertigen Film zusammenschneiden, geben sie jeder Einstellung in der Regel eine Mindestdauer von zwei bis drei Sekunden – es sei denn, der Regisseur will ein Gefühl von Chaos vermitteln. „Drei Sekunden reichen aus, um zu verstehen, was passiert, sind aber nicht so lang, dass man sein Gedächtnis allzu sehr bemühen muss, um alle relevanten Informationen abzurufen“, sagt Melcher. „Das ist der perfekte Zeitrahmen.“

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Wie der Psychologe Marc Wittmann selbst anmerkt, ist immer noch nicht geklärt, wie eine Abfolge unbewusster, funktionaler Augenblicke zu einem bewussten Erfahrungsaugenblick zusammengefügt wird. Die biologische Grundlage dieses Augenblicks muss noch erforscht werden. Allerdings hat der Neurowissenschaftler und Philosoph Georg Northoff schon eine Idee. In seinem Buch Unlocking the Brain spekuliert er über einen Zusammenhang mit den langsamen kortikalen Hirnpotenzialen, einer Art elektrischer Hintergrundaktivität, die auf der gesamten Hirnrinde messbar ist.

Bezeichnenderweise, so Wittmann, könnten diese Wellen elektrischer Aktivität mehrere Sekunden dauern. Er weist auch darauf hin, dass das Bewusstsein selbst einen Filter darstellt: Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge, während andere ausgeblendet werden. Dabei wird es von Gefühlen und dem Gedächtnis beeinflusst, und so markiert es schließlich eine Reihe von funktionalen Augenblicken als zusammengehörig und erschafft so einen Erfahrungsaugenblick.

Wie auch immer diese Augenblicke entstehen – sie sind auf eine Weise miteinander verbunden, die uns den Eindruck von Dauer oder mentaler Gegenwart vermittelt; das ist die höchste Stufe der Wittmann’schen Hierarchie. Die Gegenwart hat hier eine Dauer von ungefähr 30 Sekunden, was uns ein Gefühl von Stetigkeit gibt. Zusammengeleimt werden die einzelnen Erfahrungsaugenblicke demnach vom Arbeitsgedächtnis, das eine begrenzte Datenmenge für kurze Zeit speichern und verarbeiten kann. Mentale Gegenwart erlaubt uns, unsere Erfahrungen als unsere eigenen zu begreifen. „Das ist das Jetzt des Ich, des narrativen Selbst“, sagt Wittmann.

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Diese neue Sicht auf das Jetzt könnte weitreichende Folgen haben, zum Beispiel für die Debatte über den freien Willen. Wer abstreiten will, dass wir einen freien Willen haben, beruft sich gerne auf Versuche, die der Physiologe Benjamin Libet in den 1980er-Jahren durchführte. Seine Probanden bekamen die Aufgabe, in einem von ihnen willkürlich gewählten Moment die Hand zu heben. Dabei sollten sie auch angeben, zu welchem Zeitpunkt sie beschlossen hatten, diese Bewegung auszuführen. Schon 500 Millisekunden vor der bewussten Entscheidung konnte Libet bei ihnen die entsprechende Hirnaktivität messen. Seine mittlerweile umstrittene Folgerung lautete: Wir haben viel weniger Kontrolle über unser Handeln als wir annehmen. Aber angesichts dessen, was wir nun über das indirekte Zeitempfinden wissen, hat Libets Beobachtung vielleicht einen anderen Grund: Unser Gehirn kann Ereignisse, die sich innerhalb sehr kurzer Zeitintervalle abspielen, nicht ordnen. Und bei 500 Millisekunden, sagt Wittmann, „bewegen wir uns auf jeden Fall in einer zeitlichen Auflösung, bei der wir nicht mehr unterscheiden können, welches Ereignis zuerst kam“.

Dann ist da noch das Problem der gedehnten Zeit. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass die Zeit unter bestimmten Umständen für uns scheinbar schneller oder langsamer vergeht – nach einem Autounfall berichten die Beteiligten zum Beispiel oft, dass alles wie in Zeitlupe abgelaufen sei.

Dieser Effekt lässt sich auch im Labor erzeugen. Setzt man Versuchsteilnehmer einer Reihe von genau gleich langen Reizen aus, kommt es immer wieder vor, dass einer dieser Reize ihnen viel länger zu dauern scheint als die anderen. Vorläufige Versuchsergebnisse von Melcher deuten sogar darauf hin, dass Menschen in dieser Situation mehr Details wahrnehmen: Wenn ihnen ein Ereignis länger vorkommt, als es tatsächlich ist, können sie sich hinterher an mehr Einzelheiten erinnern und den Ablauf präziser beschreiben. Melcher schließt daraus: Wenn sich für uns die Zeit dehnt, steckt dahinter tatsächlich eine veränderte Verarbeitung von Sinneseindrücken. Evolutionär gesehen dürfte das von Vorteil sein: Wir sparen wertvolle kognitive Ressourcen, wenn das Gehirn nur in Gefahrensituationen die Verarbeitungsgeschwindigkeit hochfährt.

Solche Veränderungen der Reizverarbeitung finden unbewusst statt. Aber sind wir imstande, unser Erleben der Gegenwart und des Augenblicks zu beeinflussen und zu steuern? Menschen, die regelmäßig meditieren, behaupten oft, dass sie intensiver im Moment leben. Um das zu überprüfen, ließ Wittmann 38 Meditiationserfahrene und 38 andere Probanden ein Vexierbild anschauen.

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Jedes Mal, wenn das zweideutige Bild in ihrer Wahrnehmung umsprang, sollten sie einen Knopf drücken. Das Zeitintervall bei so einer Aufgabe gilt als guter Maßstab für die Dauer der psychologischen Gegenwart. Für beide Gruppen ergab sich eine Dauer von rund vier Sekunden, was die Behauptung der geübten Meditierer zu widerlegen schien. Als Wittmann allerdings die Teilnehmer bat, eine einmal eingenommene Perspektive so lange wie möglich beizubehalten, gelang das den Meditierern im Schnitt acht Sekunden lang, den anderen nur sechs Sekunden.

Regelmäßig Meditierende schneiden in der Regel bei Aufmerksamkeitstests sehr gut ab und haben auch ein sehr leistungsfähiges Arbeitsgedächtnis, sagt Wittmann. „Wenn man bewusster wahrnimmt, was um einen herum passiert, ist nicht nur der Moment reicher an Eindrücken, man speichert auch mehr Erinnerungen.“ Das wiederum beeinflusst, wie schnell für uns die Zeit vergeht. „Für Meditierer vergeht die Zeit langsamer als für andere, sowohl in der Gegenwart als auch retrospektiv“, sagt er.

Demnach könnten wir alle mit ein bisschen Mühe unsere Wahrnehmung des Jetzt manipulieren. Wenn Meditation den Augenblick verlängert, erweitert sie nicht nur den Geist, sondern verlängert auch das Leben. Genießen wir also diesen Moment – es gibt keinen besseren.

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