Das große Hinfallen

Gerade von den IranOpen zurückgekehrt, ging es für unsere Hamburg Bit-Bots auch schon weiter zu den German Open in Magdeburg. Wir haben das Spielgeschehen verfolgt und das Team jeden Abend mit Fragen gelöchert. Soviel sei schon hier verraten: Der neue Rasen löste wenig Begeisterung aus.

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Mit dem neuen Rasen hatten alle Teams zu kämpfen. Noch steht Hambot.
Zuerst dachten die Bit-Bots an einen schlechten Witz. Es war aber keiner: Zwei Tage vor Abreise erfuhren die Hamburger Roboterfußballer, dass ihr Hotel komplett abgebrannt ist. Während so ein Vorfall für die meisten anderen Anlass zur Sorge und Hektik böte oder gar als schlechtes Omen gedeutet werden würde, war das für Teamchef Nils Rokita nicht viel mehr als „ein bisschen Chaos“. Das glücklicherweise unversehrte Hotelmanagement hatte schon eine Ausweichunterkunft für das 14-köpfige Team organisiert, und so kamen sie alle zusammen in einer großen Ferienwohnung unter.

Mit einem „bisschen Chaos“ ging es dann aber auch beim Wettbewerb weiter. Und das, obwohl die Bit-Bots zur optimalen Vorbereitung schon zwei Tage vor Turnierbeginn in Magdeburg waren. Das Team wollte seine Roboter behutsam an den neuen und deutlich längeren Kunstrasen heranführen, der bei den German Open zum ersten Mal bespielt werden sollte. Solche Regeländerungen kommen regelmäßig vor und sollen dafür sorgen, dass die Teams ihre Spieler fortlaufend weiterentwickeln. Die Bit-Bots nutzten also die Zeit und arbeiteten am „Verhalten der Spieler“, wie Nils sagt. Und das heißt: programmieren, testen, umprogrammieren und wieder testen …

Und so liefen die Spieltage ab:

1. Spieltag

„Da lief es alles in allem eher mäßig“, untertreibt Nils. Tatsächlich brachte der neue Rasen alle Teams um den Verstand. Kickte man letztes Jahr noch mehr oder weniger agil auf grünem und flachem Teppich, steigerte sich mit fünf Millimeter langen Plastikhalmen bereits im Iran die Schwierigkeit nicht umzukippen. In Magdeburg mit dschungelartigen Drei-Zentimeter-Halmen ging aber gar nichts mehr. Die Roboter legten sich reihenweise auf die Nase. „Alle hatten Probleme. Das ist für Menschen so, wie auf einer Wiese mit zehn Zentimeter langem Gras Fußball zu spielen. Ein großes Hinfallen – ganz schön deprimierend“, sagt Nils. Und so endeten alle Spiele mit torlosen Unentschieden. Der Ball kam nur ein einziges Mal richtig ins Rollen – als ein Roboter der englischen Mannschaft Bold Hearts auf ihn kippte und ihn so in Bewegung versetzte.

Was tun? „Wir werden versuchen, unsere Roboter bis morgen weiter an den neuen Untergrund anzupassen. Wir können die Software ändern. Da arbeiten gerade sechs Leute dran. Gleichzeitig zermartern sich zwei Leute den Kopf über mechanische Änderungen“, sagt Nils. Mit letzterem meint der Bit-Bots-Chef Stollen. Schräubchen oder Plastikteile, mit denen der Roboterfuß mehr Halt im weichen Geläuf bekommen soll. Immerhin, so der Gedanke, hat das ja schon mal funktioniert: 1954 im WM-Endspiel gegen Ungarn.

Und wie lief es eigentlich für den Torwart-Titan? Sollte Hambot in Magdeburg nicht triumphieren? Nils lacht: „Die ersten Geh- und Stehversuche auf hartem Untergrund waren gut. Aber auf dem neuen Rasen hat er noch keine Chance. Da ist die Gefahr zu groß, das was kaputt geht – sprich, dass Hambot auf einen seiner Mitspieler kippt und den ramponiert.“

2. Spieltag

Viel besser wurde es leider nicht. Trotz einer langen Nacht, die das Team damit verbrachte, den Spielern das stabile Laufen im hohen Gras anzutrainieren und die Standfestigkeit zu erhöhen. Vergeblich. Die Zeit war einfach zu knapp. „Wir haben nur vier bis fünf Stunden geschlafen, alle sind ziemlich müde“, sagt Nils. Das Problem mit dem Laufen konnte übrigens keines der Teams wirklich zufriedenstellend lösen. „Ein bisschen weniger Änderung hätte auch gereicht, uns allen genügend Probleme zu machen“, sagt Nils. „So haben wir alle nur am Laufen gearbeitet und praktisch gar nicht an anderen Dingen.“

Da während der regulären Spielzeit keine Tore fielen, entschied die Spielleitung, dass es ein sogenanntes Penalty-Shoot-Out gibt – eine Art Elfmeterschießen. Und zwar jeder gegen jeden. Mit zurechtgebogenen Regeln: Da kein Roboter in der Lage war zu schießen, durfte der Ball mit beiden Beinen ins Tor gedribbelt werden, was allerdings in der Praxis mehr einem behutsamen Nach-Vorne-Schieben der Pille glich. Aber auch das half den Bit-Bots nicht weiter. Sie flogen schon am Samstagmittag aus dem Turnier. Platz fünf von fünf.

Trotzdem war die Bit-Bots-Crew zahlreich neben und vor allem auch auf dem Spielfeld anzutreffen. Die Hamburger sind nämlich wegen ihrer Erfahrung gefragte Schiedsrichter. „Der Job ist nicht ganz so einfach. Und wir wollen ja, dass korrekt gepfiffen wird. Deshalb machen wir das gerne“, sagt Jessica Jobski, Informatik-Studentin und Bit-Bots-Chef-Organisatorin. Und so leiteten die Bit-Bots gleich alle vier Halbfinalspiele als Schiedsrichter. „Währenddessen haben wir uns Gedanken über das Gehen auf langem Kunstrasen gemacht“, sagt Nils. Das nennt man Effizienz.

3. Spieltag

Auch am Sonntag waren die Bit-Bot-Unparteiischen dann nochmal gefragt. Sie pfiffen sowohl das Finale der Berliner FUmanoids gegen die Photons aus Russland als auch das Spiel um Platz drei: die Bold Hearts aus England gegen die Wolfsburger Wolves. Wieder war die Torausbeute äußerst mager. Mit sehr viel Mühe schafften es die FUmanoids, einen Ball vor das gegnerische Tor zu dribbeln und zu versenken. Die Partie Wolves gegen Bold Hearts konnten die Engländer erst im Elfmeterschießen für sich entscheiden: Eins zu Null. „Das ist schon ganz schön frustrierend, wenn so wenige Tore fallen. Das war eher ein Kampf gegen den Rasen als gegen die andere Mannschaft“, sagt Nils. Dennoch: „Die Stimmung beim Endspiel war sogar ganz ok.“

Obwohl sie kein richtiges Tor schießen konnten, landeten die Bit-Bots dann doch noch einen Volltreffer in Magdeburg: Beim Grübeln, Diskutieren und Googeln stolperten sie über einen Studenten aus Boston. Und der hatte eine Masterarbeit zum Thema „Füße von humanoiden Robotern“ geschrieben. Genau das Wissen, was die Bit-Bots in Magdeburg gebraucht hätten: Sensoren, die messen, mit welchem Bereich des Fußes der Roboter wo und wie stark auftritt. Das erlaubt Rückschlüsse auf den gesamten Bewegungsapparat und viel wichtiger: lässt sich exakter steuern. So könnte das Laufen auch im hohen Gras funktionieren. „Wir wollen das nachbauen“, sagt Nils. „Dafür brauchen wir dann aber noch komplett neue Walking-Logarithmen.“

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Organisation ist alles!
Das Problem: Beides zusammen, Fuß und Walking-Logarithmen, wäre zeitlich kaum machbar. Um in knapp zwei Monaten bei der Weltmeisterschaft in China besser abzuschneiden, haben die Bit-Bots daher einen Pakt mit den Engländern von den Bold Hearts geschlossen. Die Hamburger entwickeln einen neuen Fuß, was sie ohnehin schon länger vorhatten, und die Engländer arbeiten an der Software für selbigen. Dann wird getauscht – Fuß gegen Programm.

Mit neuem Sensor-Fuß für filigranste Schusstechnik und Hambot im Tor, ist mit den Bit-Bots bei der RoboCup-WM in chinesischen Hefei unbedingt zu rechnen. Vorausgesetzt alles wird rechtzeitig fertig. Riecht nach Nachtschichten. Dann mal los. Go Bit-Bots!

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