Das Geheimnis der Nachtkerze

Wenn ein Blümelein auf den Rabatten erbärmlich stinkt, greift der gemeine Gärtner zur Hacke. Oliver Meckes setzt sich ans Rasterelektronenmikroskop und macht sichtbar, was ihm den Hinterhof aromatisiert. In 1:20.000 ist der Stinker eigentlich ganz schön.

Menschen finden ihren Geruch recht eigenwillig, Nachtschwärmer steuern sie gerne an, die gelben Blüten der Nachtkerzen. Bis zu zwei Meter hoch werden die einst vom amerikanischen Kontinent eingeführten Zierpflanzen, die auch beim Wissenschaftsfotografen Oliver Meckes hinter dem Haus wachsen.

Normalerweise machen er und seine Frau Nicole Ottawa hochauflösende Bilder für Forschungseinrichtungen. Insekten, Bakterien, Gewebe, Pflanzenteile – jedes Objekt muss anders präpariert werden, damit der Elektronenstrahl seine Besonderheiten zutage fördern kann. Die entstehenden Bilder werden dann eingefärbt, damit sich die verschiedenen feinen Strukturen besser voneinander abheben.

300-fach vergrößert: Die Nachtkerzenpollen sind regelrecht verfilzt mit weißen Fäden.
300-fach vergrößert: Die Nachtkerzenpollen sind regelrecht verfilzt mit weißen Fäden.

Ihre Arbeit weckt bei Meckes und Ottawa die Neugier: Wie sehen Gegenstände aus ihrem Alltag in extremer Vergrößerung aus? „Ich habe nur selten Zeit, aus dem eigenen Garten etwas mitzunehmen und mit dem Rasterelektronenmikroskop aufzunehmen“, sagt Meckes. „Die Pollen der Nachtkerze haben mich überrascht.“

In 3300-facher Vergrößerung zeichnet sich ab: Die Fäden wachsen aus den Pollen heraus.
In 3300-facher Vergrößerung zeichnet sich ab: Die Fäden wachsen aus den Pollen heraus.

Um die senfgelben Kissen spannen sich zarte weiße Fäden. Die 20.000-fache Vergrößerung zeigt es noch besser: Die weißen Fäden sehen aus wie spiralig gewundene Perlenketten und wachsen direkt aus den Nachtkerzen-Pollen heraus.

Die Pollen sind regelrecht verfilzt von den Fäden. Damit ist unwahrscheinlich, dass sie sich über den Wind verbreiten. Die Vermutung der beiden Fotografen: Die klebrigen Fäden ketten die Pollen regelrecht an die Beine von Insekten, die sie dann weitertragen.

Woraus die Fäden bestehen und ob die Vermutung der beiden Fotografen stimmt, sollen jetzt Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität in München herausfinden. Meckes hat ihnen seine Bilder überlassen. Nur eins steht jetzt schon fest: Die klebrigen Kissen sind keine Gefahr für empfindliche Allergikernasen.

20.000-fach vergrößert: Die Struktur der Fäden erinnert an Perlenketten.
20.000-fach vergrößert: Die Struktur der Fäden erinnert an Perlenketten.

In unserer Serie Substanzaufklärung stellen wir Fotoprojekte vor, die in die Tiefe gehen. Wir beginnen mit Bildern von Eye Of Science – eines von zwei Fotostudios in Deutschland, die sich auf die Abbildung mikroskopisch kleiner Dinge spezialisiert haben. Die Liebe zum Detail haben Oliver Meckes und seine Frau Nicole Ottawa schon früh entdeckt. Er als Jugendlicher mit dem ersten eigenen Mikroskop, sie im Studium – auf der vergeblichen Suche nach guten Aufnahmen in Fachbüchern.
Bereits erschienen: Die Schönheit der Stärke