Können Drogen heilen?

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Von: Astrid Viciano

Erst der Spaß, dann der Hirnschaden: Ecstasy, LSD und Psilocybin gelten als gefährliche Partydrogen. Zu Unrecht, sagen Neurowissenschaftler und Psychiater: Die Substanzen könnten in der Psychotherapie viel bewirken – wenn man sie endlich ungehindert erforschen dürfte.

Manchmal steigt David Nutt in ein schwarzes Taxi ein, irgendwo in London. In seinen Händen hält er dann eine Metallkassette, die fest verschlossen ist. Den Inhalt der Kassette hat er zuvor einem Kühlschrank entnommen, von einer Kamera überwacht. Wo der Kühlschrank steht, wer ihn bestückt mit dem Material, das Nutt für seine Arbeit braucht, will er nicht verraten. Denn in der Kassette transportiert der 63-Jährige illegale Drogen, für deren Besitz er bei jeder Polizeikontrolle sofort verhaftet würde. Offizielle Dokumente, die er stets bei sich trägt, schützen ihn davor.

LSD-Molekül
LSD-Molekül
Mal zwei Gramm, mal nur 200 Milligramm eines weißen Pulvers holt Nutt auf seinen Taxifahrten. Mit Hilfe verrufener Substanzen nämlich will der Psychiater und Neuropharmakologe psychisch kranken Menschen helfen, will depressiven Patienten die Schwermut nehmen und Krebspatienten die Angst vor dem Tod. Das ist Nutts Vision. „Dafür müssen wir aber herausfinden, was Drogen im Gehirn bewirken“, sagt der Professor für Psychopharmakologie am Imperial College London. Er meint damit vor allem Substanzen wie LSD. Oder Psilocybin, den Wirkstoff aus halluzinogenen Pilzen (Magic Mushrooms). Oder MDMA, besser bekannt unter dem Namen Ecstasy. Alle drei verändern den Bewusstseinszustand, sie alle gelten gemeinhin als unberechenbar und gefährlich. Dagegen kämpft Nutt seit Jahren an, möchte, dass eine seriöse Erforschung dieser Substanzen möglich wird. Ohne Vorurteile. Ohne Einschränkungen. Zum Wohle der Patienten.

Im Jahr 2010 zählte ihn das Wissenschaftsmagazin der Tageszeitung The Times zu den 100 wichtigsten Forschern Großbritanniens, als einzigen Psychiater auf der Liste. Drei Jahre später erhielt der Mediziner den renommierten John-Maddox-Preis – eine Auszeichnung für Forscher, die sich mit Leidenschaft für die Wissenschaft einsetzen und dabei auch mal gegen den Strom schwimmen. „David Nutt ist die Stimme einer neuen, internationalen Bewegung, die den Blick auf Drogen verändern möchte“, sagt Sophie Macken, Direktorin von DrugScience, einer von Nutt gegründeten unabhängigen Wohltätigkeitsorganisation, die sich der Erforschung von Drogen verschrieben hat und dafür internationale Experten zusammenbringt.

Psilocybin-Molekül
Psilocybin-Molekül
Nach Jahrzehnten kehren diese Substanzen nun wieder dorthin zurück, wo sie einst herkamen: ins Labor. LSD entstand 1938 bei der Entwicklung neuer Kreislaufmedikamente, MDMA ist ein zufälliges Nebenprodukt der Suche nach einem Blutgerinnungswirkstoff. Psilocybin wurde zum ersten Mal in einem Schweizer Labor aus halluzinogenen Pilzen isoliert.

Alle drei Substanzen sollen das Bewusstsein erweitern, den psychisch Kranken ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt geben. Und ihnen helfen, sich in ihrem Leben neu zu orientieren. Nicht nur bei Ängsten und Depressionen haben die Drogen in ersten Studien gute Ergebnisse gezeigt. Auch bei Zwangserkrankungen, der Rauchentwöhnung und dem Alkoholentzug sind sie womöglich hilfreich. „Ob sich diese Substanzen tatsächlich bewähren, muss sich aber noch zeigen“, sagt Borwin Bandelow, Psychiater an der Universitätsmedizin Göttingen – weswegen er die Arbeit von renommierten Kollegen wie David Nutt begrüßt.

Der wünscht sich vor allem, dass sich die Diskussion über die Substanzen und deren Wirkung verändert. „Ich will wissenschaftliche Fakten verbreiten, keine Meinungen“, sagt der britische Psychiater. Dafür fliegt er um die Welt, zu Vorträgen nach Neuseeland, Schweden, Portugal, dafür reist er durch Großbritannien. An diesem Donnerstag wird er mit Schülern in der Cokethorpe School nahe Oxford sprechen, wo Eltern jährlich 15.000 Euro zahlen, damit ihre Kinder später mal ebenso privilegiert sind wie sie. Kinder, denen Nutt gleich erzählen wird, dass an der Partydroge Ecstasy nur sehr selten Menschen sterben. Seltener als bei einem unter den Schülern beliebten Freizeitsport.

Der weiße Kies knirscht unter seinen Schuhen, als David Nutt mit schnellen Schritten zum Queen-Anne-Haus läuft, im 18. Jahrhundert Sitz des Lordkanzlers. In den Vortragssaal strömen Schüler in dunklen Anzügen und Krawatten, Schülerinnen in dunklen Röcken, mit langen, samtig schimmernden Haaren. Bald läuft der stämmige Mediziner vor den Schülern hin und her, fährt mit seinen großen Händen durch die Luft, schnaubt unter seinem mächtigen Schnurrbart. „Ich möchte, dass ihr die Wahrheit über die Risiken verschiedener Drogen erfahrt“, sagt Nutt ernst. Menschen stürben vor allem an Drogen, weil sie nicht wüssten, was sie eingenommen hätten, oder weil sie zu viel davon genommen hätten. Und nirgendwo in Europa würden so viele Drogen konsumiert wie in Großbritannien. Daher sei es wichtig, über die Substanzen Bescheid zu wissen und über deren Gefahren. Er empfehle niemandem, Drogen zu nehmen. „Doch wenn ihr welche nehmt, solltet ihr genau wissen, was ihr tut“, fordert er. Mal könne es zu Versagen der Leber oder Nieren kommen, zu Herzinfarkten oder Hirnblutungen. Doch letztlich seien manche Drogen nicht gefährlicher als das Reiten – eines der exklusiven Hobbys der Cokethorpe-Schüler.

Als Nutt diesen Vergleich 2009 in einem Fachartikel zum ersten Mal anstellte, handelte sich damit eine Menge Ärger ein. Die britische Klatschzeitung Daily Mail nannte ihn „einen gefährlichen Mann“, die Regierung entließ ihn aus ihrem Drogenberatergremium. „Jetzt kann ich endlich frei reden“, sagt Nutt.

Nutts kontroverses Editorial

Equasy – An overlooked addiction with implications for the current debate on drug harms

Journal of Psychopharmacology, 23(1) (2009) 3-5

Im Vortragsraum der Schule ist es sehr still, als Nutt auf die moralische Verurteilung des Drogenkonsums zu sprechen kommt. „Wir Briten sind noch immer vom Puritanismus geprägt“, sagt Nutt. Jeder Genuss sei demnach etwas Schlechtes, etwas Unmoralisches, so auch der Genuss von Drogen. „Manchmal fürchte ich, dass ich gegen diese verkrusteten Meinungen nie ankommen werde“, ruft der Psychiater mit dröhnender Stimme.

Nutt will nicht urteilen, sondern die Fakten aufarbeiten. 2010 veröffentlichte er im Fachjournal The Lancet eine Rangliste verschiedener legaler und illegaler Drogen – abgestuft danach, wie viel Schaden sie dem Menschen zufügen, der sie nimmt, und wie sehr sie anderen Menschen schaden, die von seinem Drogenkonsum betroffen sind. Viele nationale und internationale Gremien haben solche Ranglisten aufgestellt. „Mit Wissenschaft hatten die bislang wenig zu tun“, sagt Nutt.

„Wir Briten sind noch immer vom Puritanismus geprägt. Manchmal fürchte ich, dass ich gegen diese verkrusteten Meinungen nie ankommen werde.“

David Nutt

Für seine Rangliste brachte der Mediziner Spezialisten aus aller Welt zusammen. Sie analysierten unabhängig voneinander, wie viele Menschen an der jeweiligen Droge sterben, ihr Suchtpotenzial und wie stark sie geistige Funktionen durcheinanderbringt. Sie begutachteten aber zum Beispiel auch, wie oft Drogen zu Unfällen führen oder zu aggressivem Verhalten. Und inwiefern die Substanzen von großen Drogenkartellen verkauft werden und damit ganze Bevölkerungsgruppen ins Unglück stürzen. Null Punkte standen dabei für eine völlig ungefährliche Substanz, 100 dagegen für die schädlichste Droge. Mit 72 Punkten steht eine legale Droge an der Spitze: Alkohol, gefolgt von Heroin und Crack (55 und 54 Punkte). Ecstasy erreichte bei der Auswertung gerade einmal neun von 100 Punkten.

Die Studie hinter dem Drogen-Ranking

Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis

David J Nutt, Leslie A King, Lawrence D Phillips, on behalf of the Independent Scientific Committee on Drugs

Summary
Background

Proper assessment of the harms caused by the misuse of drugs can inform policy makers in health, policing, and social care. We aimed to apply multicriteria decision analysis (MCDA) modelling to a range of drug harms in the UK.

Methods

Members of the Independent Scientific Committee on Drugs, including two invited specialists, met in a 1-day interactive workshop to score 20 drugs on 16 criteria: nine related to the harms that a drug produces in the individual and seven to the harms to others. Drugs were scored out of 100 points, and the criteria were weighted to indicate their relative importance.

Findings

MCDA modelling showed that heroin, crack cocaine, and metamfetamine were the most harmful drugs to individuals (part scores 34, 37, and 32, respectively), whereas alcohol, heroin, and crack cocaine were the most harmful to others (46, 21, and 17, respectively). Overall, alcohol was the most harmful drug (overall harm score 72), with heroin (55) and crack cocaine (54) in second and third places.

Interpretation

These findings lend support to previous work assessing drug harms, and show how the improved scoring and weighting approach of MCDA increases the differentiation between the most and least harmful drugs. However, the findings correlate poorly with present UK drug classification, which is not based simply on considerations of harm.

Funding

Centre for Crime and Justice Studies (UK).

Lancet 2010; 376: 1558–6

Rangliste der Drogen-Schädlichkeit (nach Nutt et al. 2010)

Das überrascht Rick Doblin wenig. Er leitet im kalifornischen Santa Cruz die Organisation MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies). Seit 29 Jahren fördert MAPS die Erforschung bewusstseinserweiternder Substanzen, besonders auch Studien mit dem in Ecstasy enthaltenen Amphetamin MDMA. Vor allem Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sollen von der Therapie profitieren – Opfer sexuellen Missbrauchs oder Zeugen eines Überfalls zum Beispiel.

Alkohol-Molekül
Alkohol-Molekül
Im Jahr 2012 ergab eine Studie, dass es den behandelten Menschen noch sechs Jahre nach Ende der Therapie deutlich besser ging als jenen, die nur ein Scheinmedikament erhalten hatten. MDMA soll nämlich ein Gefühl der Sicherheit erzeugen – und damit den Patienten helfen, ihre Traumata zu verarbeiten. „Ich fühlte mich, als ob ich an einen inneren Ort gelangt wäre, den ich schon lange besuchen wollte. Doch bislang hatte ich den Weg dorthin nicht gefunden“, so berichtete ein Patient dem Psychiater und Studienleiter Michael Mithoefer von seiner Erfahrung mit MDMA.

Details zur Therapie-Studie

Durability of improvement in post-traumatic stress disorder symptoms and absence of harmful effects or drug dependency after 3,4-methylenedioxymethamphetamine-assisted psychotherapy: a prospective long-term follow-up study

Michael C Mithoefer, Mark T Wagner, Ann T Mithoefer, Lisa Jerome, Scott F Martin, Berra Yazar-Klosinski, Yvonne Michel, Timothy D Brewerton, Rick Doblin

Abstract

We report follow-up data evaluating the long-term outcomes for the first completed trial of 3,4-methylenedioxymethamphetamine (MDMA)-assisted psychotherapy for chronic, treatment-resistant post-traumatic stress disorder (PTSD) (Mithoefer et al., 2011). All of the 19 subjects who received MDMA-assisted treatment in the original trial participated in the long-term follow-up (LTFU), with 16 out of 19 completing all of the long-term outcome measures, which were administered from 17 to 74 months after the original study’s final MDMA session (mean = 45.4; SD = 17.3). Our primary outcome measure used was the Clinician-Administered PTSD Scale (CAPS). Secondary outcome measures were the Impact of Events Scale-Revised (IES-R) and the Neuroticism Extroversion Oppenness Personality Inventory-Revised (NEO PI-R) Personality Inventory. We also collected a long-term follow-up questionnaire. Results for the 16 CAPS completers showed there were no statistical differences between mean CAPS score at LTFU (mean = 23.7; SD = 22.8) (t matched = 0.1; df = 15, p = 0.91) and the mean CAPS score previously obtained at Study Exit (mean = 24.6, SD = 18.6). On average, subjects maintained statistically and clinically-significant gains in symptom relief, although two of these subjects did relapse. It was promising that we found the majority of these subjects with previously severe PTSD who were unresponsive to existing treatments had symptomatic relief provided by MDMA-assisted psychotherapy that persisted over time, with no subjects reporting harm from participation in the study.

J Psychopharmacol January 2013 vol. 27 no. 1 28-39

Derzeit laufen weitere Studien in Israel, Kanada, der Schweiz und den USA, eine davon im Bundesstaat South Carolina. Dort werden vor allem Veteranen der Kriege im Irak und in Afghanistan behandelt, aber auch ein Polizist und drei Feuerwehrleute, von denen einer am 11. September 2001 im World Trade Center im Einsatz war. Bis Mitte 2016 soll die Studie abgeschlossen sein. „Die Kosten müssen wir ganz allein aufbringen, meist über Spenden. Allein für die internationale Studie sind das 1,3 Mio. Euro. Das ist mühsam“, sagt Rick Doblin. Die meisten Spenden kämen von Privatleuten, manchmal auch von Firmen. Im Februar zum Beispiel überwies ein Unternehmen, das anonym bleiben möchte, rund 78.000 Euro für die neue Untersuchung. „Wir beginnen unsere Studien immer schon, bevor wir sie vollständig finanziert haben“, sagt Doblin. Von der US-Regierung wurde bislang keine ihrer Untersuchungen unterstützt.

Im April 2016 möchte Doblin die erste britische Studie mit dem Ecstasy-Wirkstoff MDMA bei Menschen mit PTSD durchführen, gemeinsam mit Nutt und weiteren Kollegen. „Mit Hilfe von David Nutt findet diese Forschung nun in der wissenschaftlichen Welt Gehör“, sagt Doblin. Inzwischen kommen auch Vorstellungen ins Wanken, die lange als gesicherte Tatsachen galten – zum Beispiel die, dass MDMA Hirnzellen zerstört. In neuropsychologischen Tests konnten keine negativen Folgen eines regelmäßigen Konsums der Droge gefunden werden, ergab eine Studie aus dem Jahr 2011. „Das ist eine wichtige Substanz, mit durchweg guten Ergebnissen“, sagt der Hannoveraner Psychiater Torsten Passie.

Details zur Ecstasy-Studie

Residual neurocognitive features of long-term ecstasy users with minimal exposure to other drugs.

Halpern JH, Sherwood AR, Hudson JI, Gruber S, Kozin D, Pope HG Jr.

Abstract
AIMS:

In field studies assessing cognitive function in illicit ecstasy users, there are several frequent confounding factors that might plausibly bias the findings toward an overestimate of ecstasy-induced neurocognitive toxicity. We designed an investigation seeking to minimize these possible sources of bias.

DESIGN:

We compared illicit ecstasy users and non-users while (1) excluding individuals with significant life-time exposure to other illicit drugs or alcohol; (2) requiring that all participants be members of the ‘rave’ subculture; and (3) testing all participants with breath, urine and hair samples at the time of evaluation to exclude possible surreptitious substance use. We compared groups with adjustment for age, gender, race/ethnicity, family-of-origin variables and childhood history of conduct disorder and attention deficit hyperactivity disorder. We provide significance levels without correction for multiple comparisons.

SETTING:

Field study.

PARTICIPANTS:

Fifty-two illicit ecstasy users and 59 non-users, aged 18-45 years.

MEASUREMENTS:

Battery of 15 neuropsychological tests tapping a range of cognitive functions.

FINDINGS:

We found little evidence of decreased cognitive performance in ecstasy users, save for poorer strategic self-regulation, possibly reflecting increased impulsivity. However, this finding might have reflected a pre-morbid attribute of ecstasy users, rather than a residual neurotoxic effect of the drug.

CONCLUSIONS:

In a study designed to minimize limitations found in many prior investigations, we failed to demonstrate marked residual cognitive effects in ecstasy users. This finding contrasts with many previous findings-including our own-and emphasizes the need for continued caution in interpreting field studies of cognitive function in illicit ecstasy users.

Addiction. 2011 Apr;106(4):777-86

Auch bei anderen psychedelischen Drogen wird erforscht, ob sie einen therapeutischen Nutzen haben könnten. An der New York University fand die bislang größte Studie mit Psilocybin statt. Fünf Jahre lang wurden 31 Krebspatienten, die an schweren Ängsten litten, im Rahmen ihrer Psychotherapie zusätzlich mit dem Pilzwirkstoff behandelt.

MDMA-Molekül
MDMA-Molekül
Wer Psilocybin nimmt, erlebt eine andere Welt: Nutzer berichten, dass sich ihr Gefühl von Raum und Zeit verschiebt. Sie scheinen zu schweben, Gegenstände bewegen sich und verändern die Form, Sinneseindrücke verschwimmen, die Gedanken fließen anders, Fantasien nehmen reale Formen an. Eine intensive Erfahrung, die eine geschützte Umgebung braucht – weswegen die Forscher lange an der behaglichen Gestaltung des Raums arbeiteten, in dem die Teilnehmer die Droge einnahmen. „Die Probanden sollten bei uns zur Ruhe kommen, die Effekte der Droge in einem sicheren Rahmen erleben“, sagt Jeffrey Guss, Psychiater und einer der Studienleiter. „Mit einem Drogentrip auf einer Party hatte das wenig zu tun. Beim Konsum unter Freunden gehe es darum, Spaß zu haben, sich mit der Droge aufzuputschen. „In so einer Umgebung kann es dann auch mal zu negativen Erfahrungen kommen.“ Zu furchterregenden Wahnvorstellungen, gar zu Todesangst.

Da Psilocybin die Wahrnehmung verstärke, sei das richtige Setting für die Einnahme der Substanz enorm wichtig. Für die Studie wurde ein Raum mit Sofa, Sesseln und Skulpturen eingerichtet, um eine geschützte Atmosphäre zu schaffen. „Allein die richtige Musik für die Studienteilnehmer auszuwählen war enorm aufwendig“, berichtet Guss. Einen Sommer lang trafen sich die Kollegen jede Woche und hörten verschiedene Musikstile durch. Viele Musikstücke fielen aus, weil sie zu stark mit bestimmten Gefühlen verbunden sind, klassische Symphonien erschienen den Forschern zu dominant. Schließlich entschieden sich Guss und seine Kollegen für meditative Instrumentalmusik, ohne Worte.

Noch sind die Forscher dabei, die Studienergebnisse auszuwerten. „Ich habe zehn der Probanden persönlich begleitet und kann sagen, dass es allen danach besser ging“, sagt Guss. Sie empfanden ihr Leben als bedeutungsvoller als vorher, fühlten sich ihren Freunden und ihrer Familie näher als früher. Und sie fühlten sich wieder fähig, ihr Leben in die Hand zu nehmen und neue Pläne zu schmieden.

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1943 synthetisiert der Chemiker Albert das LSD - und erlebt den ersten Trip der Geschichte, als er die Substanz bei der Laborarbeit versehentlich einnimmt. Später arbeitet er auch mit halluzinogenen Pilzen und synthetisiert den Wirkstoff Psilocybin.
Im Jahr 2006 kam Jeffrey Guss zum ersten Mal die Idee, Psilocybin in der Psychotherapie einzusetzen – auf einer Feier zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann, dem Schweizer Chemiker, der im vergangenen Jahrhundert gleich zwei psychedelische Drogen im Labor isoliert hatte: Psilocybin und LSD. Beide Substanzen führen zu Halluzinationen, doch bei LSD reichen schon wenige Mikrogramm der Droge aus, um mächtige Visionen zu erzeugen. Sie dauern auch ein paar Stunden länger an als bei Psilocybin.

Die Vorbehalte gegenüber LSD sind besonders groß, das erlebte auch der deutsche Psychiater Passie als Gastprofessor an der Harvard University. In den 60er-Jahren lehrte an dieser Eliteuniversität Timothy Leary – der inzwischen legendäre Psychologe, der Studenten für seine Experimente mit Psilocybin und LSD rekrutierte. Auch mit Strafgefangenen führte Leary Drogenexperimente durch, im festen Glauben, dass psychedelische Substanzen die Gesellschaft grundsätzlich verändern und mehr zur Lösung psychologischer Probleme beitragen konnten als jedes konventionelle Medikament. 1963 musste Leary Harvard verlassen und avancierte zur Ikone der Hippiebewegung.

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In den 1960er-Jahren experimentiert der Psychologe Timothy Leary mit Hofmanns Substanzen und propagiert ihren therapeutischen Einsatz. 1966 wird LSD in den USA verboten, Leary wird mehrfach festgenommen und verbringt nach einer spektakulären Flucht bis nach Afghanistan mehrere Jahre in Haft.
Auch Passie hat die Droge als Jugendlicher ausprobiert, erzählt er freimütig: „Nur einmal habe ich sie eingenommen, gemeinsam mit Freunden.“ Er habe erlebt, wie sein Körper plötzlich keine Grenze mehr zur Umwelt darstellte, wie er Teil eines großen Ganzen wurde. Er habe ein maximales Urvertrauen in sein Leben gespürt, sich sehr präsent gefühlt und mit allem eng verbunden. Und glaubt seither fest an die positiven Auswirkungen von LSD, auch für Patienten.

Noch in den 60er- und 70er-Jahren hatten umfangreiche LSD-Studien stattgefunden. Eine neue Analyse von Studien jener Zeit legt nahe, dass eine einzige Einnahme von LSD bei der Therapie von Alkoholabhängigen helfen kann. „Auch wenn die Studien eine geringere Qualität hatten als heute, deuten die Ergebnisse auf das Potenzial von LSD hin“, sagt Passie. 1966 wurde die Droge in Großbritannien verboten, ein Jahr später zog Deutschland nach. Hierzulande war die Therapie mit LSD nur noch mit spezieller Erlaubnis möglich. An der Uni Göttingen fanden bis zum Jahr 1986 noch Experimente mit LSD statt – bis der Lehrstuhlinhaber in Rente ging. „Seither passiert in Deutschland nicht mehr viel“, sagt Passie.

Die LSD-Metastudie

Lysergic acid diethylamide (LSD) for alcoholism: meta-analysis of randomized controlled trials

Teri S Krebs, Pål-Ørjan Johansen

Abstract

Assessments of lysergic acid diethylamide (LSD) in the treatment of alcoholism have not been based on quantitative meta-analysis. Hence, we performed a meta-analysis of randomized controlled trials in order to evaluate the clinical efficacy of LSD in the treatment of alcoholism. Two reviewers independently extracted the data, pooling the effects using odds ratios (ORs) by a generic inverse variance, random effects model. We identified six eligible trials, including 536 participants. There was evidence for a beneficial effect of LSD on alcohol misuse (OR, 1.96; 95% CI, 1.36–2.84; p = 0.0003). Between-trial heterogeneity for the treatment effects was negligible (I² = 0%). Secondary outcomes, risk of bias and limitations are discussed. A single dose of LSD, in the context of various alcoholism treatment programs, is associated with a decrease in alcohol misuse.

J Psychopharmacol July 2012 vol. 26 no. 7 994-1002


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Wissenschaftlicher Stammvater: Der deutsche Chemiker Arthur Heffter berichtet 1897 über den Wirkstoff Meskalin, den er aus Peyote-Kakteen isoliert hat - die erste Studie an einer natürlichen psychedelischen Substanz.
Der Psychiater selbst wich daher mit seinen Studien in die Schweiz aus und hat als einer der Ersten seit mehr als 40 Jahren wieder eine Studie mit LSD durchgeführt. In der kleinen Pilotstudie behandelten er und seine Kollegen zwölf lebensbedrohlich erkrankte Menschen – Krebspatienten zum Beispiel oder Menschen mit der Parkinson- Krankheit. Eine Hälfte der Probanden bekam nur eine Psychotherapie, die anderen nahmen zusätzlich LSD ein. Sie verspürten nach der Behandlung deutlich weniger Ängste als die Testpersonen, die kein LSD genommen hatte. „Studien mit so wenig Probanden haben aber nur eine sehr beschränkte Aussagekraft“, sagt Borwin Bandelow, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen.

Details zur LSD-Therapie-Studie

Safety and Efficacy of Lysergic Acid Diethylamide-Assisted Psychotherapy for Anxiety Associated With Life-threatening Diseases

Peter Gasser, Dominique Holstein, Yvonne Michel, Rick Doblin, Berra Yazar-Klosinski, Torsten Passie, Rudolf Brenneisen

Abstract

A double-blind, randomized, active placebo-controlled pilot study was conducted to examine safety and efficacy of lysergic acid diethylamide (LSD)-assisted psychotherapy in 12 patients with anxiety associated with life-threatening diseases. Treatment included drug-free psychotherapy sessions supplemented by two LSD-assisted psychotherapy sessions 2 to 3 weeks apart. The participants received either 200 μg of LSD (n = 8) or 20 μg of LSD with an open-label crossover to 200 μg of LSD after the initial blinded treatment was unmasked (n = 4). At the 2-month follow-up, positive trends were found via the State-Trait Anxiety Inventory (STAI) in reductions in trait anxiety (p = 0.033) with an effect size of 1.1, and state anxiety was significantly reduced (p = 0.021) with an effect size of 1.2, with no acute or chronic adverse effects persisting beyond 1 day after treatment or treatment-related serious adverse events. STAI reductions were sustained for 12 months. These results indicate that when administered safely in a methodologically rigorous medically supervised psychotherapeutic setting, LSD can reduce anxiety, suggesting that larger controlled studies are warranted.

J Nerv Ment Dis. 2014 Jul; 202(7): 513–520.

Vor Jahrzehnten schon war LSD in Verruf geraten, weil die Droge – ähnlich wie Psilocybin – in der falschen Umgebung zu furchterregenden Erfahrungen führen, Menschen extrem unruhig und gewalttätig machen kann. Nebenwirkungen, die Bandelow skeptisch machen. „Ich glaube nicht, dass allein die Umgebung die Risiken der psychedelischen Drogen minimieren kann“, sagt der Mediziner. Wie und ob eine Substanz ihre Wirkung entfalte, hänge von so vielen Faktoren ab: ob jemand viel oder wenig geschlafen habe, viel oder wenig gegessen, wie sein Gemütszustand vor Einnahme der Droge sei. „Das lässt sich nicht kontrollieren, zumal noch so wenig über die Wirkung der Drogen bekannt ist“, sagt Bandelow. Daher sei es wichtig, zunächst zu erforschen, was genau im Gehirn der Konsumenten passiert, um das Potenzial der Substanzen realistisch einzuschätzen – wie etwa in den Studien des britischen Kollegen Nutt.

Doch dafür muss Nutt gegen viele Widerstände kämpfen. Mindestens einmal pro Jahr kontrolliert die Polizei seine Laborräume. „Wenn man mit illegalen Drogen forscht, werden einem sogleich kriminelle Absichten unterstellt“, sagt er. Gerade hat auch er eine Studie mit LSD abgeschlossen, hat dabei die Veränderung der Hirnaktivität gesunder Probanden im Kernspintomografen untersucht.

„LSD ist eine der sichersten Drogen, die wir kennen“, sagt Nutt, in seiner Gefahrenrangliste liegt die Substanz noch hinter Ecstasy. Vorläufig will er nichts über seine Studienergebnisse verraten. „Doch zeigen uns unsere Daten, dass LSD bei Depressionen helfen könnte“, sagt Nutt. Bereits vor etwa vier Jahren hatte er Ähnliches für Psilocybin herausgefunden. Mit verschiedenen Methoden untersuchte er, wie die Substanz sich auf die Durchblutung und elektrische Aktivität des Gehirns auswirkt, und stellte fest, dass Psilocybin bestimmte Hirnregionen herunterreguliert. „Darunter waren auch Regionen, die bei depressiven Menschen überaktiv sind“, sagt Nutt. Darum will der Mediziner Psilocybin für die Therapie depressiver Patienten nutzen, bei denen keine andere Behandlung mehr hilft. Im Mai dieses Jahres hat die Studie begonnen.

Details zu Nutts Psilocybin-Studie

Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin

Robin L. Carhart-Harris, David Erritzoe, Tim Williams, James M. Stone, Laurence J. Reed, Alessandro Colasanti, Robin J. Tyacke, Robert Leech, Andrea L. Malizia,, Kevin Murphy, Peter Hobden, John Evans, Amanda Feilding, Richard G. Wise, David J. Nutt

Abstract

Psychedelic drugs have a long history of use in healing ceremonies, but despite renewed interest in their therapeutic potential, we continue to know very little about how they work in the brain. Here we used psilocybin, a classic psychedelic found in magic mushrooms, and a task-free functional MRI (fMRI) protocol designed to capture the transition from normal waking consciousness to the psychedelic state. Arterial spin labeling perfusion and blood-oxygen level-dependent (BOLD) fMRI were used to map cerebral blood flow and changes in venous oxygenation before and after intravenous infusions of placebo and psilocybin. Fifteen healthy volunteers were scanned with arterial spin labeling and a separate 15 with BOLD. As predicted, profound changes in consciousness were observed after psilocybin, but surprisingly, only decreases in cerebral blood flow and BOLD signal were seen, and these were maximal in hub regions, such as the thalamus and anterior and posterior cingulate cortex (ACC and PCC). Decreased activity in the ACC/medial prefrontal cortex (mPFC) was a consistent finding and the magnitude of this decrease predicted the intensity of the subjective effects. Based on these results, a seed-based pharmaco-physiological interaction/functional connectivity analysis was performed using a medial prefrontal seed. Psilocybin caused a significant decrease in the positive coupling between the mPFC and PCC. These results strongly imply that the subjective effects of psychedelic drugs are caused by decreased activity and connectivity in the brain’s key connector hubs, enabling a state of unconstrained cognition.

PNAS, February 7, 2012 vol. 109 no. 6, 2138–2143

Sein amerikanischer Kollege Rick Doblin von der Organisation MAPS hat noch ehrgeizigere Ziele: Bis zum Jahr 2021 soll die dritte psychedelische Droge MDMA zur Therapie in den USA zugelassen sein – um Menschen mit traumatischen Erfahrungen zu helfen. „Wir haben schon so viel erreicht“, sagt Doblin. „Jetzt lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen.“

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