Im Säurebad

“Nun muss die Försterin sich eilen, den Gatten sauber zu zerteilen”: Zu Recht gilt Loriots Adventsgedicht als Klassiker der weihnachtlichen Aggressionsverarbeitung. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Leichen-Entsorgung der rabiaten Waidfrau aber verbesserungsfähig, wie unser Interview mit dem Forensiker Erwin Vermeij zeigt.

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Erwin Vermeij vom Forensischen Institut der Niederlande. Im Hintergund: das Rasterelektronenmikroskop, mit dem er höchst unschöne Dinge aufspürt.
Herr Vermeij, was ist die beste Methode, eine Leiche verschwinden zu lassen?

So pauschal kann man das nicht beantworten. Gäbe es das perfekte Verbrechen, würden wir davon ja sowieso nichts wissen, eben weil es nicht herauskommt. Aber in den zwanzig Jahren hier am Institut habe ich schon einige Fälle erlebt, bei denen sich die Mörder unfassbare Sachen ausgedacht haben.

Was ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Vor 15 Jahren hat jemand hier in Holland eine Leiche zusammen mit Ästen in einen Holzhäcksler gesteckt und die Mischung dann einfach auf einem Feld verteilt. Im Jahr 2005 hat ein anderer sein Opfer zerstückelt, fritiert und dann die Einzelteile in einen Kanal geworfen, jeweils im Abstand von vielen Metern.

Ganz schön gruselig.

Ja. Und einer der längsten Tatorte der Geschichte, das zog sich viele Kilometer.

Was sich jeder fragt, der die Serie Breaking Bad gesehn hat: Lässt sich ein menschlicher Körper wirklich spurlos beseitigen, indem man ihn in Säure auflöst?

Theoretisch ja, wenn genügend Zeit und Säure zur Verfügung steht. Ein 80 Kilogramm schwerer Mensch besteht neben rund 40 Kilo Wasser aus 24 Kilo Fett, 12 Kilo Proteinen und 4 Kilogramm Knochen – das ist alles löslich. Anders sieht es allerdings mit Zahnersatz und Gallensteinen aus, von Implantaten aus Metall ganz zu schweigen.

Und wenn der Mörder keine verräterischen Goldzähne zurücklässt?

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Die rosafarbenen und bräunlichen Punkte im weißen Gips stellten sich als menschliche Überreste heraus.
In zwei Fällen konnten wir die Täter auch dann überführen. Der erste ist schon zwölf Jahre her, ich wurde damals zum Haus eines Drogendealers gerufen, der laut einer Zeugenaussage seinen Geschäftspartner umgebracht und verbrannt haben soll. Von einem Ofen war aber weit und breit nichts zu sehen, dafür fand die Polizei in seinem Garten eine graue Plastiktüte mit einem fünf Kilogramm schweren Block aus einer weißgrauen Masse. Wir dachten zuerst an Heroin oder sowas, aber tatsächlich stellte es sich als Gips heraus.

Gips im Garten zu vergraben ist zwar ungewöhnlich, aber nicht strafbar…

…wenn sich darin rosafarbene und braune Pünktchen befinden vielleicht schon. Ich habe jedenfalls ein Stück der Masse in Epoxyharz eingegossen, poliert und unter unser Rasterelektronenmikroskop gelegt. Dabei zeigten sich merkwürdige, wabenartige Strukturen mit dünnen Wänden. Wir haben dann den Elektronenstrahl richtig aufgedreht. Jedes chemische Element in der Probe sendet daraufhin charakteristische Röntgenstrahlung aus. So haben wir herausgefunden, dass diese Strukturen aus Calcium, Phosphor und Fluor bestehen.

Den Bestandteilen von menschlichen Knochen.

Für Calcium und Phosphor stimmt das, da läuteten also die Alarmglocken. Aber Fluor? Das ist zwar in der Zahnpasta drin, aber im Körper nur in Spuren vorhanden. Nein, wir hatten den Verdacht, dass die Leiche in Flusssäure aufgelöst wurde, denn die besteht aus Fluor und Wasserstoff. Hinzu kam, dass der Verdächtige von Beruf Schweißer war und Flusssäure in der Metallverarbeitung gebraucht wird.

Reichten diese Indizien denn für eine Verurteilung?

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Charakteristische, mikroskopisch dünne Wandstrukturen aus Knochenmaterial (Pfeile). Sie gelten bei den Emittlern inzwischen als Indiz für einen Säuremord. Die Probe stammt aus dem Gipsblock des ersten im Interview erwähnten Falls (Bild oben). Mit „S“ sind Sandkörner bezeichnet.
Zunächst nicht, zumal ich in eigenen Versuchen festgestellt hatte, dass Flusssäure allein nicht stark genug ist, um Fett und Proteine des menschlichen Körpers vollständig aufzulösen. Dazu ist eine Hydrolyse notwendig: Die Ionen in einer sauren Lösung dienen dabei als Katalysatoren, um die langen Molekülketten der Fette und Proteine aufzubrechen. Anschließend können sich diese Bruchstücke dann mit Wasser zu Fett- beziehungsweise Aminosäuren verbinden. Die Fluor- und Wasserstoff-Ionen der Flusssäure allein sind zum Aufbrechen der Ketten aber zu schwach.

Anders sieht es aus, wenn ein Gemisch aus Flusssäure und Salpetersäure zum Einsatz kommt. Es wird zum Beizen von Metallen verwendet, stand unserem Verdächtigen also auch zur Verfügung. Wir haben in Experimenten menschliche Knochen erst verbrannt, und dann mit dieser Lösung behandelt. Im Elektronenmikroskop zeigten sich genau die dünnen Wandstrukturen, die wir auch im Gipsblock des Verdächtigen gefunden hatten. Dieses Ergebnis brachte ihm dann tatsächlich eine Verurteilung zu 18 Jahren Gefängnis ein.

Haben Sie eine Idee, wie diese verräterischen Wandstrukturen entstanden sein könnten?

Vermutlich sind sie die Folge der komplexen Vorgänge, die beim Auflösen eines menschlichen Körpers vor sich gehen. Bei den Fetten und Proteinen dient die Säure wie gesagt nur als Katalysator. Beim Zersetzen der Knochen aber wird sie in einer chemischen Reaktion wirklich verbraucht. Auch lassen sich Leichenteile und Säure gerade zu Anfang nicht leicht vermischen. In Bereichen mit hohem Wassergehalt klumpt sich zudem das Fett an einer Stelle zusammen. Wir glauben, dass sich die dünnen Wandstrukturen bilden, wenn der Knochen von der Säure nicht nur von außen, sondern auch über die inneren Kanäle und Poren ausgehöhlt wird. Ein lokaler Überschuss an Fett könnte dann die übrig gebliebenen dünnen Wände vor weiterer Auflösung schützen.

Diese charakteristischen Spuren ließen sich also vermeiden, wenn der Täter das Säurebad gut umrühren würde?

Ein ständiges Umrühren wäre für ihn tatsächlich sehr wichtig. Wir glauben aber, dass sich diese mikroskopischen Spuren nie ganz vermeiden lassen werden. Und sie sind tatsächlich universell, wir konnten sie kürzlich bei einem anderen Säuremord ebenfalls nachweisen.

Wurden da die Leichenteile auch vorher verbrannt?

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Wissenschaftler des Forensischen Instituts der Niederlande untersuchen Abwasserrohre aus einem belgischen Haus. Hier hatten die Täter ihre Opfer in Säure aufgelöst und weggespült.
Nein, deshalb ist dieser zweite Fall für uns auch so wertvoll. Er hat gezeigt, dass die zusätzliche Verbrennung der Leiche beim ersten Säuremord nichts mit der Bildung der dünnen Wandstrukturen zu tun hatte. Bei dem zweiten Fall konnten wir die Strukturen in Material aus Abflussrohren eines Hauses in Belgien nachweisen. Hier hatten sich die Täter wirklich Mühe gegeben – übrigens eine Mutter mit ihren Söhnen, auch aus dem Drogenmilieu. Sie beließen ihre zwei Opfer wochenlang im Säurebad, rührten regelmäßig um, schöpften Fett ab und behandelten festere Bestandteile in separaten Gefäßen mit Säure. Genützt hat es ihnen nichts, die Haupttäter wurden zu 15 beziehungsweise 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

Wie ist die Sache denn ans Licht gekommen?

Einen Mittäter hat der Horror der Leichenbeseitigung wohl so verfolgt, dass er es nicht mehr aushielt und zur Polizei ging. Wir wussten dann ja schon, wonach wir suchen mussten. Nun bereiten wir eine Fachveröffentlichung zu den beiden Fällen vor, um Kollegen auf die verräterischen Mikrostrukturen hinzuweisen.

Auf die wissenschaftlichen Arbeiten des Forensikers Erwin Vermeij stießen wir während der Produktion unseres Features über die Ermordung des russischen Dissidenten Alexander Litwinenko. Bei diesem Fall war es nicht die Leiche, die sich auflösen sollte, sondern die Mordwaffe, das radioaktive Gift Polonium-210. Letztlich war es aber gerade die kurze Halbwertszeit des seltenen Elements, das die Fahnder auf die Spur der Täter brachte.

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