Warum Schweine spielen müssen

Menü

Ketten, Bälle, Beißwerkzeug: Wer Schweine halbwegs anständig halten will, muss die intelligenten Tiere beschäftigen. Seit Jahren arbeiten Forscher an rüsseltauglichen Spielzeugen – nur ein Feigenblatt für die Massentierhaltung oder ein echter Beitrag zu einem besseren Schweineleben?

Der Weg zu den Schweinen führt durch fensterlose Gänge aus Beton, ausgeleuchtet von Neonröhren. Es riecht nach Ammoniak und Fäkalien, noch tagelang wird der Geruch in unserer Ausrüstung hängen. Wir sind im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp, kurz LVZ. Die Einrichtung der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein versteht sich als Schnittstelle zwischen Forschung und Bauernalltag. Hier wird die Nutztierhaltung von morgen erprobt. Hier leben mehr als 4000 Schweine, und wer sie sehen will, muss sauber sein. Wir haben vor Ort geduscht und sind in Schutzanzüge gestiegen, als ginge es zu einem Tatort. Dabei wollen wir uns nur zeigen lassen, was sich die Wissenschaft ausgedacht hat, um das kurze Leben der Masttiere ein bisschen vergnüglicher zu gestalten: Spielzeug für Schweine.

An einer Stahltür warten zwei Generationen LVZ auf uns: der 32-jährige Tierarzt Onno Burfeind und Christian Meyer, 55 Jahre alt, Fachmann für Schweinehaltung, seit 30 Jahren im Betrieb. Tür auf. Und da sind sie, die ersten Schweine, die wir an diesem Tag zu Gesicht bekommen: etwa 250 Tiere in einem großen Raum. Gruppenweise in Abteilen untergebracht, die der Fachmann Buchten nennt. Hier und da ein Scharren, ein Quieken, ansonsten ist es ruhig.

„Kommen Sie“, sagt Meyer, der bereits über die schenkelhohe Umrandung einer Bucht geklettert ist. Wir steigen hinterher, Kamera und Gerätschaft in den Armen. Anfangs sind die Tiere scheu, beäugen uns aus der Entfernung. Auch haben uns nicht alle kommen sehen. Manche dösen in einer Ecke, andere machen sich am Futtertrog zu schaffen oder traben durch den hinteren Teil der Bucht.

Doch dann setzt die Neugier ein. Schulter an Schulter rücken die Schweine heran. Ihre 60 Kilo schweren Leiber – etwa die Hälfte des Schlachtgewichts – reichen uns bis ans Knie. Feucht und fest wie Gummi sind die Rüssel, mit denen sie jetzt unsere Stiefel bearbeiten. Draußen würden sie damit den größten Teil des Tages im Erdreich wühlen, hier schieben sie ihre Rüsselscheiben unter unsere Schuhsohlen, heben sie an, nehmen sie ins Maul.

Das Kamerastativ ist eine Sensation. Wir kommen nicht mehr vom Fleck. Stecken in einem Ring aus Schweinen, machen Bekanntschaft mit der Kraft des tierischen Wühltriebs. Und stellen fest: Diese Tiere in ihrem Maststall sind neugierig, kräftig, vital. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Wir hatten mit dem Anblick gerechnet, den wir aus Enthüllungsreportagen kennen. Schweine, die sich kaum auf den Beinen halten können. Solchen Tieren werden wir hier nicht begegnen; auch nicht bei dem Landwirt, den wir einige Tage später aufsuchen. Offenbar gibt es auch Halter, die ihre Schweine mögen. Die in ihren Mastbetrieben umsetzen, was die Forscher in Laborställen entwickeln, um die Massentierhaltung ein bisschen anständiger zu gestalten. Trotzdem bleibt ein Argwohn: Gehen wir gerade einer Heile-Welt-Geschichte auf den Leim, die mit der Realität der Fleischwirtschaft kaum etwas zu tun hat?

Juristisch sieht diese Realität so aus: Seit 2006 verlangt die bundesweite Tierschutz-Nutztierverordnung, dass Schweine jederzeit Zugang zu ausreichend Beschäftigungsmaterial haben müssen – denn die intelligenten Tiere langweilen sich in der Massentierhaltung. Seit 2013 ist auch die letzte Übergangsfrist abgelaufen und jeder Schweinehalter in der Pflicht. Wer da Hilfe braucht, kann sich von der LVZ beraten lassen. Die Fachleute betreiben einen ganzen Parcours an Beschäftigungsmöglichkeiten, um zu testen: Was kommt bei den Tieren an, was ist ein Flop? Onno Burfeind zeigt uns als Erstes ein Futterkarussell. Das ist ein einfacher Teller aus Plastik, in den Spaltenboden gesteckt und mit Wühlerde befüllt. Denn Wühlen und Fressen, so erfahren wir, sind die Highlights im Schweinedasein.

Christian Meyer bevorzugt einfache Spielzeuge, etwa einen Holzstock zum Benagen, dazu einen aufgeschnittenen Kunststoffball voller Futter, der an Ketten über der Schweinebucht hängt, sodass die Tiere sich anstrengen müssen, um an den Inhalt zu kommen.

Und dann gibt es die Hightech-Spielzeuge, die auf den ersten Blick simpel aussehen, in denen aber Jahre akademischer Forschung stecken. Drei Gummibälle an wippenden Stahlfedern, die auf einer Bodenplatte montiert sind: Das ist der Wühlkegel, entwickelt an der Universität Kassel vom Agrarwissenschaftler Uwe Richter und seinem Team. Wenn man dem 39-jährigen Forscher glaubt, können Schweine gar nicht genug bekommen von der simplen Konstruktion, die ihren Wühltrieb immer wieder aufs Neue anregt, wenn anderes Spielzeug schon lange uninteressant geworden ist.

Dass eine Universität sich um Schweinebespaßung kümmert, ist nicht zuletzt die Folge eines Kurswechsels in der Wissenschaft. Noch vor wenigen Jahrzehnten beschrieb der naturwissenschaftliche Mainstream Nutztiere als Wesen ohne Bewusstsein und ohne Emotionen. Forscher, die das anders sahen, weil ihr Hund daheim so eine Frohnatur war, setzten sich dem Vorwurf aus, unwissenschaftlich zu arbeiten und Tiere zu vermenschlichen. Der Münsteraner Professor für Verhaltensbiologie, Norbert Sachser, spricht heute in seinen Vorlesungen über diesen Paradigmenwechsel: „Wir haben alles auf den Kopf gestellt: nicht nur, dass Tiere fühlen, sondern auch, dass sie denken können. Und dass es danach aussieht, als hätten manche zumindest Ansätze von Ich-Bewusstsein.“ Ohne diese Kehrtwende in den Forscherköpfen hätte es das Wohlbefinden von Schweinen nicht auf die wissenschaftliche Agenda geschafft.

Und in die Ställe. „Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere“, sagt Uwe Richter, dessen Onkel ein Schweinebauer war, „ist man nicht davon ausgegangen, dass Tiere großartig Gefühle haben.“ Wer sich die Höfe von einst zurückwünscht, weiß nichts von den Grausamkeiten vergangener Tage, als Tiere festgebunden in engen Verschlägen standen. Wo die Tür nach dem Füttern wieder ins Schloss fiel und die Eingesperrten im Stockfinstern zurückblieben. Wo sie reihenweise an Infektionen zugrunde gingen, weil es in ihrem Gefängnis viel zu warm und zu dreckig war und die Ansteckungsgefahr enorm hoch. Nur in Regionen mit Dauergrünland konnte das Vieh im Freien leben. Ob sich die Tiere langweilen? Die Frage wäre keinem in den Sinn gekommen.

Schweine sind anspruchsvoll, ihr intelligentes Gehirn verlangt nach Abwechslung. Dirk Andresen weiß das. Der Agraringenieur aus Moldenit hoch im Norden macht sich Gedanken um die 2500 Schweine, die er hält. Sie stehen bei ihm in Gruppen, 24 Tiere pro Einheit. Das bedeutet etwa einen Quadratmeter Platz pro Schwein, so wie es das Gesetz erfordert.

Um nachzuweisen, dass er es ernst meint mit der Qualität, hat Andresen seinen Betrieb mit dem QS-Siegel zertifizieren lassen. Vergeben wird es von einem Unternehmen, das mehrere Erzeuger- und Handelsverbände gegründet haben – Kritiker werfen der QS Qualität und Sicherheit GmbH vor, nicht mehr zu prüfen als das gesetzlich nötige Minimum; der Deutsche Tierschutzbund hat die Initiative verlassen und versucht inzwischen, ein eigenes Qualitätssiegel zu vermarkten. Für Andresen indes bedeutet das Siegel einen durchaus realen Aufwand: Er muss einen 16-seitigen Maßnahmenkatalog erfüllen und wird jedes Jahr mehrmals durch Amtstierärzte und die Landwirtschaftskammer kontrolliert.

An Spielzeug hat der Landwirt schon einiges ausprobiert, auch eigene Kreationen. Zurzeit schwört er auf Eisenketten, die von den Decken hängen und mit Bällen oder Brettern bestückt sind, auf denen die Schweine herumkauen können. Vom Fußball, den er ihnen spendiert hat, ist er hingegen enttäuscht. Der „liegt jetzt verdreckt in einer Ecke“, sagt er. „Mit dem spielen sie nicht mehr.“ Das hätte ihm Christian Meyer aus Futterkamp gleich sagen können: Ein Spielzeug, das wegrollt und nicht zurückkommt, taugt nichts. Denn die Aufmerksamkeitsspanne von Schweinen ist kurz. Schon nach sieben Tagen haben sie sich an ein Spielzeug gewöhnt und beschäftigen sich nur noch wenig damit. Das ist der Grund, warum Meyer sagt: „Eigentlich spielt es keine Rolle, was man gibt. Das Entscheidende ist, dass immer neue Spielzeuge da sind.“

Das sieht Uwe Richter anders. Der Vater des Wühlkegels arbeitet an der Universität Kassel im Fachbereich für Ökologische Agrarwissenschaften. Das Büro des großen, kräftigen Mannes gleicht einer Schrauberwerkstatt: Kittel an den Türhaken, überall Schubkästen voller Ersatzteile, dazwischen aufs Äußerste beanspruchte Aschenbecher.

Richter ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Techniker. Er hat jahrelang den Wühlkegel entwickelt, um das Spielzeug bis zur Marktreife zu bringen. Sein Fazit: Es ist keinesfalls egal, was man einem Schwein zur Beschäftigung vorsetzt. Denn dazu ist es zu schlau.

Wie misst man die Intelligenz von Schweinen, Herr Richter?

„Indem man testet, wie die Tiere Konflikte lösen. Das findet man über das Spielverhalten heraus. Bei Hunden gibt es diesen klassischen Trick: Man nimmt zwei Schüsseln, legt unter eine der beiden Futter, und dann schaut man, ob der Hund begriffen hat, wo es liegt. Bei manchen Hunderassen klappt das gut, bei anderen weniger. Solche Tests kann man auch mit Schweinen machen. Ihre Intelligenz ist in etwa auf Hundeniveau. Sie würden es auch schaffen, Türen zu öffnen.“

Schweinespielzeug fordert nicht nur den animalischen Wühltrieb heraus, sondern offenbar auch den Spieltrieb von Wissenschaftlern, die mit den verschiedensten Konstruktionen aufwarten. Etwa dem Düsser Wühlturm, der 2012 auf einer Fachmesse prämiert wurde: ein senkrecht stehendes Rohr, das mit Stroh befüllt wird. Durch einen Spalt am Boden lassen sich Halme herauswühlen – immer nur wenige Gramm, aber zum Spielen und Fressen scheint es zu reichen. Zumindest hat der Düsser Wühlturm bei den Schweinen große Begeisterung ausgelöst. Nur bei den Landwirten nicht, denn das Gerät kostet 230 Euro und mehr. Viel Geld für die Tierhalter, die neuerdings Verluste mit der Schweinefleischproduktion machen.

Am Anfang einer Spielzeugentwicklung steht daher auch die Frage: Was wird das Ding am Ende kosten? Auf 40 Euro haben die Macher des Wühlkegels den Preis gedrückt, dabei sah es lange nicht danach aus, als würde etwas aus der Idee werden, die Richters Vorgesetzter 2007 hatte: Wenn wir den Schweinen aus hygienischen Gründen schon kein Stroh bieten können, um ihren Wühltrieb auszuleben, könnten wir ihnen nicht etwas bauen wie das Bällebad bei Ikea?

Rote, gelbe, blaue Plastikkugeln, unter denen die Tiere juchzend abtauchen? Die Ernüchterung folgte sogleich: Kein Bauer würde einen Bälleteich durchwaten, um seine Schweine zu kontrollieren. Und wie sollte das mit der Hygiene klappen, wenn Fäkalien an den Dingern klebten?

Die Sache stagnierte. Doch dann meldete sich eine Studentin, die ihre Bachelorarbeit dem Thema widmen wollte. Zusammen mit ihrem Großvater bastelte sie an Modellen und nahm die bunten Bälle als Ausgangsmaterial. So entstand der Wühltrog, eine Art Fresswanne, in denen Plastikbälle auf Federn montiert waren. Im zweiwöchigen Feldversuch waren die Schweine verrückt nach dem Ding. Aber insgesamt war es zu aufwendig, zu teuer und auch etwas unappetitlich. Denn die Reinigung des Geräts gestaltete sich schwierig.

Wieder erlahmte das Projekt. Bis 2009 die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) beschloss, die Entwicklung eines Schweinespielzeugs zu fördern. Jetzt zahlte sich die Vorarbeit aus. Uwe Richter übernahm die Projektleitung, und innerhalb der nächsten drei Jahre entwickelte sich der alte Wühltrog zum heutigen Wühlkegel mit drei Bällen auf einer Bodenplatte.

90 Tage lang erprobten Richter und seine Kollegen das Konstrukt im Stall, 2196 Stunden Videomaterial zeigen, wie sich die Schweine mit den Wühlkegeln verlustieren. Während der Beobachtungsphase wurden die Forscher immer euphorischer. „Die Schweine waren so begeistert, dass sie sogar in Blickrichtung zu den Kegeln einschliefen“, sagt Richter. „Sobald sie aufwachten, fingen sie wieder damit an.“

Und noch etwas fiel auf: Nicht nur junge, sondern auch ältere Schweine am Ende der Mastzeit hatten ihren Spaß. Eigentlich werden die großen Tiere träger und lassen sich nicht mehr so animieren. „Bei den Wühlkegeln war das anders“, sagt Richter. „Wir konnten über den kompletten Mastdurchgang hindurch keinen Unterschied in der Beschäftigung feststellen. Sie ist gegen Mastende eher noch angestiegen. Sogar im Liegen haben sich die Tiere damit beschäftigt.“ Und zwar deutlich mehr als die Vergleichsgruppe, die eine handelsübliche Kette mit einem Ball daran zum Spielen bekommen hatte.

Richter verwundert das nicht: „Eine Kette erfüllt für einen Bodenwühler keinen natürlichen Zweck. Die Rüsselscheibe des Schweins ist ein hochsensibles Organ, das angeregt werden will.“ Ein Gegendruck auf die Schweinsnase stimuliert den Wühltrieb, und genau das können die wippenden Plastikkegel der Kasseler Forscher bieten.

Also alles bestens? Leider nein. Derzeit brechen die Stahlfedern einiger Modelle viel zu schnell – offenbar werden die Federn gerade aus einer Legierung gefertigt, die der enormen Belastung nicht gewachsen ist. „Wir haben schätzungsweise in einer Woche im Schweinestall mehrere Millionen Bewegungen an den Kegeln“, sagt Richter. Die ganze Charge ist unverkäuflich.

Der Schweinefreude tut das keinen Abbruch. Trotzdem wissen die Kasseler Forscher nicht, ob sich die Tiere mit dem Spielzeug auch von einem Verhalten abbringen ließen, das Schweinebauern große Probleme bereitet und dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist: Kannibalismus in Form von Ohren- und Schwanzbeißen. Die zum Teil erheblichen Verletzungen, die sich die Tiere zufügen, können bis zum Tod durch Infektionen führen. Deswegen werden Ferkeln oft vorbeugend die Schwänze gekappt, obwohl das nur noch in Ausnahmefällen erlaubt ist.

Richters Tiere aus der Wühlkegelstudie zeigten kein Schwanzbeißen, aber auch die Kontrollgruppe war frei davon: „Das heißt“, sagt der Wissenschaftler, „wir konnten nicht nachweisen, ob es durch die Wühlkegel besser wird oder nicht.“ Kannibalismus kommt in der konventionellen Tierhaltung vor, aber auch in der Bio- und Freilandhaltung, meldet zum Beispiel das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL). Es trifft Schweine auf Stroh genauso wie die in den Buchten ohne Einstreu. Viele Ursachen werden vermutet, die Fachliteratur nennt es ein „multifaktorielles Problem“. Als Auslöser stand vor allem die tierische Langeweile im Verdacht. Und man erwartete, durch mehr Möglichkeiten zur Beschäftigung, durch besseres Spielzeug die Sache in den Griff zu bekommen. Das war ein Irrtum. Nach der derzeit gängigen Meinung scheint es eher ein Mix aus Stallklima, Fütterung und Platzmangel zu sein, der den Kannibalismus fördert.

Bei aller Euphorie für sein Spielzeug muss Richter einräumen, dass etwas ganz Einfaches noch höher in der Gunst der Bodenwühler steht: Haben Schweine Zugang zu Stroh, „sind sie bei Weitem nicht so am Kegel interessiert wie andere Tiere“, sagt er. „Sie gehen schon ran, weil das Spielzeug neu ist. Aber sie haben nicht diesen enormen Trieb, den sie befriedigen müssen, weil sie den durch das Wühlen im Stroh schon ausleben können.“

Wenn es so einfach ist, wozu dann die ganze Spielzeugentwicklung? Weil bei konventionell gehaltenen Schweinen fast nirgendwo mehr Einstreu in den Buchten liegt. Die meisten Bauern haben auf Flüssigentmistung umgestellt: Ihre Tiere liegen auf Kunststoff- oder Betonböden, bei denen die Fäkalien durch Spalten in ein darunterliegendes Becken fallen, wo sie abgesaugt werden. Da dürfen keine Fasern ins Filtersystem gelangen.

In der ökologischen Haltung ist Stroh hingegen Vorschrift. Stroh, das Schweine glücklich, aber ansonsten viele Probleme macht, glaubt man Uwe Richter: „Die Einstreumengen sind schwer zu entsorgen. Es gibt hierzulande kaum automatische Entmistungssysteme, also muss man mit der Schubkarre durch die Gänge fahren.“ Hinzu kommt die Qualität des Strohs selbst. In Regenjahren kann es voller Schimmelpilzsporen stecken.

In Schweden sei man schon ein Stück weiter: „Dort halten viele konventionelle Landwirte ihre Schweine auf Stroh, das ist da ganz normal. Weil sie ihre Strohentmistung automatisiert haben.“ Es geht also. Fragt sich nur, zu welchem Preis.

Egal, bei welcher Haltungsform, ob in der konventionellen oder der ökologischen, an diesem Punkt landet irgendwann jede Diskussion um Tierhaltung: Zu welchem Preis lässt sich ihr Fleisch in den Läden verkaufen? Der Verbraucher verhält sich seit Jahren paradox. Die Massentierhaltung findet er tierquälerisch, und Ställe mag er nicht in seiner Nähe. Doch gleichzeitig hat er seit rund einem Jahrzehnt einen konstant hohen Fleischverbrauch, der zwischen 90,7 und 88,2 Kilogramm pro Kopf und Jahr schwankt. Und 13,4 Prozent der Deutschen würden laut einer Umfrage der Universitäten Hohenheim und Göttingen mehr Fleisch essen, wenn es noch billiger wäre als jetzt schon.

Der Biofleischanteil ist dagegen immer noch verschwindend gering: Je nach Untersuchung liegt er zwischen 0,5 und zwei Prozent. „Wenn es ums Tierwohl geht, ist die ökologische Schweinehaltung die beste Haltungsform“, sagt Richter. „Es gibt durchaus Bioschweinebetriebe, die es hervorragend hinkriegen. Aber das sind meistens solche, wo es nicht aufs Schweinefleischverkaufen ankommt.”

Die Studie eines Agrarberatungsunternehmens von 2008 gibt dem Agrarforscher recht: „Lediglich für sehr leistungsstarke Biobetriebe ist es möglich, mit Gewinn sowohl Ferkel als auch Mastschweine zu erzeugen“, heißt es in der Untersuchung, die alle Kosten eines Bioschweins berücksichtigt. „Umbauten bzw. Neubauten sind pro Tierplatz aufgrund der Vorgaben der EU-Öko-Verordnung nur sehr aufwendig und damit entsprechend teuer zu erstellen.“

Mit einem Wort: Wir haben die Tierhaltung, die wir verdienen. „Wenn man beim Fleischpreis pro Kilo mal 50 Cent draufpacken würde“, sagt Uwe Richter, „hieße das zwei, drei Schweine weniger pro Bucht. Das wäre viel mehr Platz.“ Und viel mehr Wohlbefinden. So aber bleibt es bei dem Versuch, die bezahlbaren Haltungsformen zumindest ein wenig angenehmer zu gestalten. Kein großer Wurf, nur allmähliche Fortschritte.

Es ist Nacht geworden im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp. Wir haben die Ställe verlassen und stehen jetzt auf der Galerie in einem großen scheunenartigen Gebäude. Ein Stockwerk tiefer wandern Muttersauen behäbig durch das Dämmerlicht. Darunter sind hochtragende Tiere, die bald werfen werden. In der konventionellen Haltung würden sie bereits in den Abferkelbuchten liegen, wo sie sich nur hinstellen und wieder ablegen, aber nicht umdrehen können. Dort bringen sie ihre Ferkel zur Welt, säugen sie und werden einige Wochen später wieder in die Gruppenhaltung entlassen. Eine Methode, die zwar die Jungtiere davor schützt, erdrückt zu werden, aber den Muttersauen jede Bewegungsfreiheit nimmt. Kann man das denn nicht anders lösen? „Das probieren wir gerade aus“, sagt Christian Meyer. Versuchsweise werden hier die Sauen in größeren Buchten gehalten, wo sie einige Tage nach dem Abferkeln wieder herumgehen können. Doch so eine Haltung ist zeitintensiv und teurer. Womit wir wieder beim Preis sind.

Was bedeutet das nun für die Zukunft? Optimisten setzen auf die Verbraucher von morgen. Zum Beispiel auf die Schulkinder, die mit Dirk Andresen durch seinen Stall gehen, um mal leibhaftige Schweine zu sehen. Oder auf die Viertklässler, die in Futterkamp ein einwöchiges Praktikum machen und danach mehr von der Landwirtschaft wissen als die meisten Eltern. Denn das sei ein Riesenproblem, sagt jeder, den wir auf dem Weg zu den Schweinen getroffen haben: dass die meisten Fleischkäufer noch nie einen Stall von innen gesehen haben. Und darum nicht wissen, welchen Unterschied 50 Cent mehr machen könnten.

Weitere Artikel: