Es lebe der König

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Wer war Tutanchamun? Niemand stand so kurz davor, diese Frage zu beantworten, wie Yehia Gad. Als einziger durfte er dem Pharao DNA-Proben entnehmen, seine Arbeit wurde als Medienspektakel inszeniert, politisch ausgeschlachtet - und dann von Fachkollegen verrissen. Genug Ärger für ein Forscherleben? Gad will mit neuen Analysetechniken in eine neue Runde gehen - wenn das postrevolutionäre Ägypten ihn lässt.

Zehn Meter unter dem Wüstensand steht Yehia Gad in einer engen Grabkammer. Dem Wissenschaftler ist heiß unter seimem Schutzanzug, der Atemmaske, der Laborhaube. Um ihn herum zeigen farbenprächtige Wandmalereien, dass in diesen engen Räumen ein König begraben liegt. Die Bilder zeigen seine Reise ins Jenseits: die Einbalsamierung, den Kampf um seine Seele und wie er schließlich für alle Ewigkeit auf der Sonne reitet.

Auf dem Holztisch vor Gad liegt die Mumie des Mannes, der hier vor 3000 Jahren begraben wurde. Die dürren Glieder sind pechschwarz, die Augenhöhlen leer, die Haut ist so zerfurcht wie ausgedörrte Erde. Zu seinen Lebzeiten wurde dieser Mann als ein Gott verehrt. Dieser Mann war der berühmteste Pharao Ägyptens: Tutanchamun.

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Wir schreiben das Jahr 2008. Hosni Mubarak herrscht über Ägypten, und über Ägyptens Altertümer herrscht der charismatische Archäologe Zahi Hawass. Zum ersten Mal lässt seine Behörde es zu, dass der legendären Mumie eine DNA-Probe entnommen wird. Viele ausländische Wissenschaftler haben sich darum bemüht – erfolglos. Jetzt soll ein ägyptischer Forscher das genetische Erbe des Pharaos entschlüsseln, finanziert vom US-Fernsehen: Mit einem Millionenbudget dreht der Discovery Channel einen Dokumentarfilm über Tutanchamuns Familiengeschichte.

Gad ist einer der führenden Genetiker des Landes. Doch sein Vorhaben ist so ehrgeizig, dass viele Experten es für aussichtslos halten. Mit einer Biopsienadel wird er den zerbröselnden Knochen Gewebeproben entnehmen und sie auf DNA untersuchen. Gad hat nur wenig Erfahrung mit Mumien, zum ersten Mal führt er diese Arbeit allein aus – ohne die ausländischen Mentoren, die ihn sonst in seinem Labor begleiten. Und bei diesem Versuch schaut nicht nur sein Chef Zahi Hawass zu, sondern die ganze Welt: Aus der Ecke gegenüber filmt das Discovery-Filmteam jede seiner Bewegungen.

Es geht nicht nur um einen wissenschaftlichen Coup. Es geht um viel Geld. Es geht um Nationalstolz. Und es geht um den hitzigen Streit darüber, wer die rechtmäßigen Erben der Pharaonen sind – ein historisch einmaliges Erbe, das viele für sich beanspruchen möchten.

Gad versucht, seine Nervosität zu verbergen, als er die Biopsienadel ergreift. „Inschallah“ – „so Gott will“, murmelt er leise. Dann sticht er zu.

Drei Jahre später erzählt Gad seine Geschichte in einem sonnigen Garten des Marriott-Hotels in Zamalek, einem wohlhabenden Vorort von Kairo, Der zierliche Mann scheint mit seinem zuvorkommenden Verhalten und dem feinen Lächeln so gar nicht in die Welt der Ägyptologie zu passen, die von Politikern instrumentalisiert wird und regelrechte Popstars hervorbringt.

Howard Carter

Der erste dieser Popstars stand 86 Jahre vor Gad in derselben Grabkammer. Howard Carter musste 1922 Tutanchamuns steinerne Gemächer noch mit Kerzen ausleuchten, um all die „wundervollen Dinge“ sehen zu können, von denen er berichtete. Westliche Forscher hatten zu dieser Zeit schon viele Grabstätten von Pharaonen im ägyptischen Tal der Könige geöffnet. Aber fast überall waren ihnen Plünderer zuvorgekommen, hatten die Grabbeigaben gestohlen und die Leichname weggeschafft. Tutanchamuns Grab aber war unberührt, die verschwenderischen Beigaben waren vollständig erhalten: Schmuck, Vasen, Throne, Streitwagen. Es war der aufsehenerregendste archäologische Fund aller Zeiten.

Weltweit stürzten sich die Medien auf die Story. Reporter verfolgten minutiös, wie sich Carter langsam zur Grabkammer vorarbeitete, dort erst auf vergoldete Schreine und juwelenbesetzte Särge stieß und endlich auch auf die Mumie des Königs selbst. Das alte Ägypten war damals in Mode. Millionen Menschen auf der ganzen Welt waren von allem fasziniert, was mit Pharaonen und Pyramiden zu tun hatte. Mit Carter bekam das Phänomen einen Namen: Tutmania.

Das Land der Pharaonen spielt eine wichtige Rolle im Alten Testament. Bedeutende Protagonisten der Bibel wie Moses und Josef standen in enger Beziehung zur königlichen Familie. Was davon war Mythos, was ein historischer Fakt? Die Mumie des Pharaos galt als ein möglicher Schlüssel, um Antworten auf diese Fragen zu erhalten. Handelte es sich bei Tutanchamun gar um den Pharao aus dem zweiten Buch Mose, dessen Soldaten im Roten Meer ertranken, als sie Moses und die Israeliten verfolgten?

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Sicher war nur: Tutanchamun herrschte um 1300 vor Christus. Diese Zeit läutete das Ende der 18. Dynastie ein, die rund 500 Jahre in Ägypten geherrscht, gewaltige Bauwerke geschaffen und bedeutende Kriege geführt hatte. Sein mutmaßlicher Vater Amenophis IV., der sich selbst Echnaton nannte, war der erste Monotheist der Geschichte: Er erklärte die Götter Ägyptens für abgeschafft und bestimmte, dass nur noch der Sonnengott Aton verehrt werden durfte. Über seinen Nachfolger Tutanchamun war wenig bekannt, denn spätere Herrscher versuchten, die ketzerische Epoche aus der Geschichtsschreibung zu tilgen. So wusste man nur, dass Tutanchamun die religiösen Umstrukturierungen Echnatons rückgängig machte, bevor er selbst kinderlos und unter mysteriösen Umständen starb.

Aber Ägyptologie war nicht nur ein Trend, sondern auch damals schon ein Politikum. Als Carter seine Arbeit begann, befand sich Ägypten im Umbruch. Großbritannien hatte als letzter von vielen fremden Herrschern das Land gerade in die teilweise Unabhängigkeit entlassen. Der unfassbare Wert von Carters Fund sorgte für neue Spannungen zwischen den westlichen Archäologen, die seit über hundert Jahren Ägyptens Kulturschätze außer Landes geschafft hatten, und den Ägyptern, die nun selbst über ihr nationales Erbe verfügen wollten. Erst nach langem bürokratischen Gezerre durfte Carters Team 1925 die von ihm entdeckte Mumie vorsichtig auswickeln.

Acht Tage dauerte diese Arbeit. Zwischen den Stofflagen stießen die Forscher auf Ringe, Armreifen, Amulette und andere Gegenstände, die dem König seine Reise ins Jenseits angenehm gestalten sollten. Tutanchamuns Körper aber befand sich in einem schlechten Zustand. Die Einbalsamierer hatten Unmengen von Ölen und Harzen über dem Pharao ausgegossen. Diese Substanzen und die Jahrtausende in dem feuchten Sarg hatten der Mumie schwer zugesetzt.

Die Möglichkeiten der Autopsie waren zu dieser Zeit sehr begrenzt. Carter und seine Kollegen vermaßen die Knochen der Mumie und untersuchten den Körper nach äußeren Verletzungen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Tutanchamun ungefähr im Alter von 18 Jahren gestorben sein muss. Die Form seines Schädels ließ vermuten, dass er ein naher Verwandter des anonymen Pharaos gewesen sein könnte, den man ganz in der Nähe gefunden hatte, in einem Grab mit der Bezeichnung KV55. Weitere Geheimnisse konnten sie der Mumie nicht entlocken.

Um Tutanchamuns Familiengeschichte zu ergründen, brauchte es noch eine völlig neue Technik. Noch mehr: Es brauchte eine völlig neue Wissenschaft.

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Die große Stunde dieser Wissenschaft schlug 1994 in einer anderen Wüste. Im US-Bundesstaat Utah liegt der Große Salzsee, der letzte Überrest des riesigen Binnenmeeres, das sich dort vor 80 Millionen Jahren befand. Unterirdische Kohleschichten bergen Überreste der Tiere, die damals an seinen Ufern umherstreiften. Die archäologischen Funde weckten die Neugier des Mikrobiologen Scott Woodward von der nahe gelegenen Brigham Young University. 1994 veröffentlichte er einen Artikel im Wissenschaftsmagazin „Science“, der einen neuen Weg in die Vergangenheit beschrieb: Es sei ihm und seinem Team gelungen, DNA-Bruchstücke aus einem Knochen zu gewinnen, der höchstwahrscheinlich von einem Dinosaurier stammte.

Der aufstrebende Jungforscher Woodward hatte dafür die revolutionäre neue Technik der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) eingesetzt. DNA-Untersuchungen an alten Fundstücken waren bis dahin sehr schwierig, weil sich das Erbmaterial mit der Zeit abbaut. Die PCR funktioniert wie eine DNA-Kopiermaschine. Ein Enzym heftet sich an bestimmte Stellen des verbliebenen Genmaterials und reproduziert es immer und immer wieder – so lange, bis genug DNA für eine Analyse zur Verfügung steht. Auf einmal konnten Wissenschaftler Erbgut an den erstaunlichsten Orten nachweisen – an prähistorischen Pflanzen wie bei Insekten, die in Bernstein konserviert waren. Aber Woodwards Studie übertraf alles.

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Der Dinosaurierknochen war nicht sein Erstlingswerk. Schon 1991 hatte er mithilfe der PCR Mumien untersucht, die von einem christlichen Friedhof in Fyium stammten, einer Oase 130 Kilometer von Kairo entfernt. 1993 sorgte er für Aufsehen mit einer Untersuchung von sechs Mumien des Ägyptischen Museums. Röntgenbilder offenbarten, dass ihre Genicke gebrochen waren – vermutlich waren sie erhängt worden. Anhand von DNA aus ihren Knochen fand Woodward heraus, dass alle Toten derselben Familie angehörten.

Kurz darauf erhielt er die Chance, von anonymen Toten auf Pharaonen umzusteigen. Im Ägyptischen Museum hatten mehrere Mumien Schimmel angesetzt und mussten in neue, klimatisierte Schaukästen umgelagert werden. Dabei fielen ein paar Körpergewebeteile ab, an denen Woodward forschen durfte.

Unter den Mumien waren auch zwei Föten aus Tutanchamuns Grab. Woodward wollte herausfinden, ob es sich dabei um tot geborene Töchter des Königs handelte und ob Inzest ein Grund dafür war, dass es keine lebenden Nachfolger gab. Aber kurz bevor er eine Probe bei Tutanchamun selbst entnehmen konnte, wurde das Projekt gestoppt. Laut der TV-Dokuserie „Secrets of the Pharaohs“, die der Fernsehsender PBS über Woodwards Arbeit drehte, befanden die ägyptischen Behörden Tutanchamun für zu kostbar, um gestört zu werden.

Viele Ägyptologen vermuten, dass der wahre Grund ein anderer war. Denn Woodward war nicht nur ein herausragender Biologe, sondern auch ein ranghohes Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, besser bekannt als Mormonen.

Die Mormonen glauben, dass die Nachfahren des biblischen Josefs, der in Ägypten lebte und der ägyptischen Königsfamilie nahestand, im Jahre 600 vor Christus von Jerusalem aus nach Amerika segelten, den nordamerikanischen Kontinent besiedelten und so zu den Vorfahren der Indianer wurden.

Die Mormonen glauben außerdem, dass die Seelen ihrer verstorbenen Vorfahren, die nie die Heilsbotschaft der Mormonen kennenlernen konnten, in den Himmel kommen, wenn sie nachträglich getauft werden. Bei solchen „Totentaufen“ werden in der Regel lebende Gemeindemitglieder stellvertretend für die Verstorbenen getauft.

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Um Vorfahren zu finden, die posthum bekehrt werden könnten, investiert die mormonische Kirche viel Geld. Viele Webseiten zur Ahnenforschung verlinken entweder auf die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage oder stehen in deren unmittelbaren Besitz wie etwa die Seiten ancestry.com und familysearch.org Mehr als eine Milliarde Familiennamen haben die Ahnenforscher der Mormonen bislang zurückverfolgt. Mithilfe von Gentests lässt sich dieses Verfahren enorm abkürzen, langwierige Stammbaumforschung entfällt.

Und obwohl die Kirche ihren Mitgliedern empfiehlt, nur direkte Vorfahren zu taufen, gehen einige Gläubige sehr viel weiter. So kam 2012 heraus, dass einige Mormonen eigenmächtig Holocaust-Opfer getauft hatten, darunter Anne Frank. Auch Daniel Pearl, der jüdische Reporter, der 2002 in Pakistan von Al Kaida ermordet worden war, wurde getauft und sogar Adolf Hitler.

Woodward ist heute Leiter der Sorenson Molecular Genealogy Foundation, die Familienforschung mithilfe genetischer Fingerabdrücke betreibt, und untersucht die genetische Herkunft der amerikanischen Ureinwohner. War er damals auf der Suche nach Vorfahren, die er für seine Religion vereinnahmen wollte? Der Forscher selbst hat die Gründe für den Abbruch seiner Untersuchung in Ägypten nie öffentlich kommentiert. Ebenso wenig reagierte er auf Interviewanfragen zu diesem Artikel.

In Ägypten jedenfalls habe das Gefühl geherrscht, dass Woodward die toten Pharaonen taufen lassen wollte, sagt ein renommierter Ägyptologe, der anonym bleiben möchte. Ganz offen kritisierte Ahmed Saleh, ein Mitarbeiter der ägyptischen Altertumsbehörde, die Mormonen-Wissenschaftler: Sie wollten die ägyptische Geschichte für sich beanspruchen.

Aber es scheint, als habe man in Ägypten alle Ausländer als Bedrohung empfunden. Zum Beispiel Sakuji Yoshimura, Direktor des angesehenen Ägyptologischen Instituts an der Waseda-Universität in Japan. Im Jahr 2000 hatte er die Erlaubnis erhalten, die DNA Tutanchamuns mit der anderer königlicher Mumien abzugleichen. Doch auch dieses Projekt wurde gestoppt – angeblich nur eine Stunde vor der Probenentnahme im Tal der Könige. Die knappe Erklärung der Behörden: „Sicherheitsgründe.“

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Nach Presseberichten hatte das Projekt Kritiker auf den Plan gerufen: Erneut würden sich Ausländer in Ägyptens Geschichtsschreibung einmischen. Womöglich ging es um etwas ganz anderes. „Es wurde befürchtet, dass die Ergebnisse eine vermutete Verbindung zwischen Tutanchamuns Familie und Moses bestätigen könnte“, sagte 2002 Mark Rose, Redaktionsleiter der amerikanischen Zeitschrift „Archaeology“. Ein Ägyptologe mit guten Verbindungen zur Altertumsbehörde, der namentlich nicht genannt werden möchte, stimmt zu: „Man hatte Angst, es könnte danach heißen, dass die Pharaonen Juden gewesen waren.“

Die mögliche Folge: Wenn es genetische Übereinstimmungen zwischen Tutanchamun und Angehörigen jüdischer Bevölkerungsgruppen gibt, könnte Israel behaupten, Ägypten sei Teil des Heiligen Landes.

Angesichts der jüngsten Geschichte scheint diese Furcht, wenn auch nicht real, doch zumindest verständlich. Dreimal zogen die beiden Länder gegeneinander in den Krieg, dreimal verlor Ägypten. Als Folge wurden sowohl die Sinaihalbinsel als auch der Gazastreifen lange Zeit von Tel Aviv aus kontrolliert. Während des Jom-Kippur-Krieges 1973 überquerten israelische Soldaten gar den Sueskanal und rückten auf ägyptisches Kernland vor. Trotz Friedensverträgen herrscht darum immer noch tiefes Misstrauen zwischen den beiden Staaten. Noch heute feiert Ägypten an jedem 6. Oktober den Tag der Streitkräfte – an ebenjenem Tag, an dem im Jahr 1973 ägyptische Soldaten Israel angriffen.

So unerträglich vielen Ägyptern die Vorstellung ist, dass ihre Könige dieselben Wurzeln wie ihre Feinde haben könnten, so naheliegend scheint sie vielen Wissenschaftlern. „Die ersten Christen, Juden und Muslime stammen alle aus einem ähnlichen Genpool“, sagt Salima Ikram, Ägyptologin und Mumienspezialistin an der American University in Kairo. „Es ist sehr gut möglich, dass man bei den Pharaonen auf DNA stößt, die wir auch in semitischen Bevölkerungsgruppen finden.“

Das wollte ein Mann verhindern, der vielleicht der größte Star von allen war, wenn es darum ging, archäologische Schauspiele zu inszenieren: der Ägypter Zahi Hawass.

Zawass wuchs auf dem Land in ärmlichen Verhältnissen auf, studierte Archäologie und Ägyptologie in Alexandria und in Kairo und promovierte anschließend an der University of Pennsylvania. 1998 erhielt er als Unterstaatssekretär die Aufsicht über die Baudenkmäler in Gizeh, dem Standort der Pyramiden.

Hawass war ein Modernisierer; er entwickelte einen Plan für das professionelle Management des Areals, inklusive Eingangstoren, Besucherzentren und ersten Anstrengungen in Richtung Denkmalschutz. Umstrittener war seine Rolle als Darsteller in einer Reihe von Dokumentationen, darunter Live-Specials des amerikanischen Fernsehsenders Fox, in denen er vor laufender Kamera Särge öffnete oder einen ferngesteuerten Roboter in die Große Pyramide schickte, um eine geheimnisumwitterte steinerne Tür zu durchbohren. Seine Begeisterung für Mumien und Grabstätten trug dazu bei, die Ägyptologie massentauglich zu machen. Er befreite sie von wissenschaftlichem Dünkel und dem Ruch des Esoterikertums. Sorgsam feilte er dabei an seinem eigenen Bild in der Öffentlichkeit – immer lächelnd, immer mit seinem Indiana-Jones-Hut auf dem Kopf.

Viele von Hawass’ Kollegen waren verärgert. Sie warfen ihm vor, ihr Fachgebiet zu trivialisieren. Seine Jagd nach Zuschauern führe er auf Kosten des wissenschaftlichen Anspruchs. Entscheidend aber war: Hawass hatte die volle Unterstützung von Präsident Mubarak, und sein Enthusiasmus und seine Überzeugungskraft begeisterten Fernsehzuschauer in der ganzen Welt. Millionen Menschen hörten jetzt zum ersten Mal, was ein Ägypter über das alte Ägypten zu sagen hatte. Hawass habe den Ägyptern beigebracht, stolz auf ihre Herkunft zu sein, sagen seine Unterstützer.

2002, zwei Jahre nach Yoshimuras gescheitertem Versuch, die königliche DNA zu untersuchen, wurde Hawass Leiter der Altertumsbehörde. Er dämmte Bestechlichkeit und Korruption ein, baute das professionelle Management der alten Stätten aus und verstärkte den Denkmalschutz. Auch die Fernseharbeit ging weiter: Hawass präsentierte Filme, die teilweise mehr an Thriller als an Dokumentationen erinnerten und Titel trugen wie „Die Geheimnisse der Pyramiden“ und „Auf der Suche nach dem verschollenen Pharao“. Hawass war der neue Superstar der Archäologie.

Für den ägyptischen Genetiker Yehia Gad war Hawass’ Berufung zunächst ein Tiefschlag. Seit Jahren hoffte Gad auf eine eigene Chance, DNA-Analysen an Mumien durchzuführen – und Hawass hatte sich stets gegen solche Studien ausgesprochen.

Aber irgendwann war es nicht mehr möglich, mit weiteren bedeutsamen archäologischen Funden aufzuwarten. Hawass erkannte: Wissenschaftliche Untersuchungen waren der Schauplatz, auf den man sich nun begeben musste. DNA-Analysen und Computertomografien lieferten neue Enthüllungen wie auf Bestellung.

Hawass war klar: Um sich den Rückhalt von Politikern und der Öffentlichkeit zu sichern, durfte er diese Arbeit nicht von Ausländern ausführen lassen. Die Untersuchungen würden von ausländischen Medienunternehmen finanziert, ausgeführt würden sie von Teams, die in Ägypten ausgebildet worden waren und von Ägyptern kontrolliert wurden.

Hawass beschloss, bei den Mumien der Könige anzufangen. Statt sich um die politisch heikle Frage ihrer ethnischen Herkunft zu kümmern, würde er ihre familiären Beziehungen untereinander und ihre Todesursache untersuchen. Indem er diese Menschen und ihre verwickelten familiären Verhältnisse wiederauferstehen ließ, konnte er eine glamouröse antike Seifenoper kreieren – perfekter Stoff fürs Fernsehen.

2004 bewilligte Hawass ein mehrere Millionen Dollar teures Projekt für Computertomografien an Mumien, finanziert vom amerikanischen Fernsehsender National Geographic. Zuerst war Tutanchamun an der Reihe. Die Dokumentation, „Tod am Nil. Wie starb Tutanchamun?“ wurde im Mai 2005 ausgestrahlt und wartete mit der Neuigkeit auf, dass Tutanchamun infolge eines Unfalls gestorben sei, bei dem er sich das Bein gebrochen habe. Der Film war aber nur der Anfang. Die Ergebnisse der CT-Untersuchungen, darunter eine Rekonstruktion des königlichen Antlitzes, bildeten das Finale einer großen Wanderausstellung der Schätze, die weltweit rund acht Millionen Menschen besuchten.

Die Tour brachte dem ägyptischen Staat rund 100 Millionen Dollar ein und sorgte für eine Begeisterung, wie man sie zuletzt bei der „Tutmania“ zu Zeiten Howard Carters erlebt hatte. Der ägyptische Minister für Kultur verkündete höchstpersönlich die Ergebnisse der CT-Scans, und Präsident Mubarak reiste eigens zur Ausstellungseröffnung nach Deutschland.

Befeuert von diesem Erfolg, ging Hawass den nächsten Schritt an: genetische Fingerabdrücke. Sein Angebot an Fernsehsender aus der ganzen Welt: Baut mir ein DNA-Analyselabor auf dem neuesten Stand der Technik, und wir lassen euch unsere Forschungen filmen.

Diesmal stach der Discovery Channel seinen größten Konkurrenten National Geographic aus – mit einem Angebot von mehr als 5 Mio. Dollar. Nun brauchte Hawass nur noch einen Laborleiter. Seine Wahl fiel auf Yehida Gad. Denn der erfüllte die Voraussetzung, die für Hawass am wichtigsten war: Er war Ägypter.

Gad hatte am Nationalen Forschungszentrum in Ägypten die Möglichkeiten der PCR-Technik kennengelernt. Sein Labor bot als eines der ersten in Ägypten die Technik des genetischen Fingerabdrucks an. In erster Linie war es mit Vaterschaftsklagen befasst. Aber Gad wollte mehr – er wollte PCR einsetzen, um seine Ahnen zu erforschen. Nur: Dafür brauchte er ein eigenes Labor, in dem nicht zeitgleich Tests mit jüngerer DNA stattfanden, die die Ergebnisse verfälschen könnten. Jahrelang wollte niemand ein solches Labor finanzieren, weil Gad und seine Kollegen keine Erfahrung auf dem Gebiet vorweisen konnten. Ein Teufelskreis: Denn ohne ein Labor konnten sie keine Erfahrung sammeln.

Jetzt wollte ihm Hawass solch ein Labor geben. Aber ein Problem blieb: Gad hatte noch nie mit so alten DNA-Proben gearbeitet – in ganz Ägypten hatte das noch niemand getan. Also heuerte der Discovery Channel Angelique Corthals an, eine forensische Anthropologin und Ägyptologin vom KNH Centre for Biomedical Egyptology in Manchester. Sie sollte Gad ausbilden.

Im Juni 2006 betrat Corthals erstmals die „Bat-Höhle“, wie die Forscherin das futuristisch anmutende Projektlabor im Keller des Ägyptischen Museums nennt. Gemeinsam mit Gads Team besorgt sie die Ausstattung, darunter ein Sequenziergerät im Wert von einer halben Million Dollar und die allerneuesten DNA-Entnahmewerkzeuge aus der Gerichtsmedizin. „Das Budget war beeindruckend“, sagt sie: „Wir konnten bestellen, was wir wollten.“

Dann erklärte sie dem Team die „Fenstermethode“. Dabei wird ein quadratischer Pfropfen von Bandagen, Haut und Körpergewebe aus der Mumie herausgeschnitten, dann entnimmt man etwas Knochenmehl mit der Biopsienadel, eine Art Handbohrer, der in einem Plastikröhrchen eingebettet ist. Anschließend wird der Pfropfen wieder an der Stelle eingesetzt, an der er entnommen wurde. Richtig ausgeführt, ist der Schnitt hinterher kaum noch zu erkennen. Gads Team musste schnell lernen, denn die Dreharbeiten für ihr erstes Discovery-Projekt liefen bereits. Das Thema: die Suche nach Hatschepsut, einer der wenigen Frauen unter den Pharaonen.

Ihre Mumie war nie gefunden worden. Aber es gab Spekulationen darüber, dass es sich bei einer unbekannten Mumie aus dem Tal der Könige um die Überreste der Herrscherin handeln könnte. Ein DNA-Abgleich sollte die Gewissheit bringen, ob die Tote zur königlichen Familie gehörte.

Nach wenigen Monaten waren Corthals und Gad sich sicher, bei zwei der Mumien eine immerhin mögliche Übereinstimmung zu erkennen. Das halsbrecherische Tempo, das die Filmcrew vorleget erlaubte keine echte Absicherung der Ergebnisse, doch schon die vagen Hinweise reichten als Grundlage für die Dokumentation mit dem Titel „Das Rätsel um Ägyptens verschollene Königin“ und für eine Titelgeschichte im Magazin „National Geographic“.

Der Discovery Channel trieb das Team voran: Nach Hatschepsut sollte nun Tutanchamun an die Reihe kommen. Der Plan lautete, einen Stammbaum der königlichen Familie zu erstellen – durch Tests an Tutanchamun sowie an zehn weiteren Mumien von möglichen Verwandten. Darunter waren der namenlose Pharao aus Grab KV55 und die zwei Föten aus Tutanchamuns Grab. Mit Corthals’ Hilfe konnte Gad im Biopsieraum von den meisten Mumien Proben entnehmen.

Tutanchamun aber lag immer noch in seinem Grab im Tal der Könige, fast 500 Kilometer vom Ägyptischen Museum entfernt. Die Entnahme der Knochenprobe sollte eine der Schlüsselszenen in dem nächsten Discovery-Film werden. Hawass entschied: Das Team, das in dieser Schlüsselszene zu sehen sein würde, durfte nur aus Ägyptern bestehen. Damit wollte er seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, die beklagten, er verscherbele die Geheimnisse der Pharaonen an Ausländer. Corthals sollte in Kairo bleiben und per Videoverbindung zugeschaltet sein. Gad würde das erst Mal seit Beginn seines Crashkurses auf sich allein gestellt sein.

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Am Morgen des 24. Februar 2008 war es so weit. „Die Spannung stieg immer weiter an, und jeder spürte das“, erzählt Gad. Eine Belastung, die er aushalten musste. Auch im Wortsinne: Nur ein wenig zu viel Druck mit der Biopsienadel – und die zerbrechlichen Knochen der Mumie wären zerstört. „Ich vertraute auf meinen Glauben“, sagt Gad. „Und wir schafften es.“

Zweieinhalb Stunden später waren 15 winzige Knochenproben von verschiedenen Stellen der königlichen Gebeine in kleine Plastikröhrchen verpackt.

Als Gad fertig war, ließ sich Corthals Nahaufnahmen der Proben zeigen. Die Knochenfragmente sahen verkohlt aus und nicht so sauber wie die, die sie anderen Mumien entnommen hatten. Tutanchamuns Mumie würde eine Herausforderung werden.

Um herauszufinden, ob und wie die Toten miteinander verwandt waren, vervielfältigte das Team die vorhandenen Bruchstücke an mitochondrialer DNA, die durch die mütterliche Linie weitergegeben wird, sowie die DNA des Y-Chromosoms, das vom Vater an den Sohn vererbt wird. Das wichtigste Ziel aber war der genetische Fingerabdruck der DNA, die von beiden Eltern vererbt wird.

Über die Jahrtausende waren die dunklen Harze und andere Balsamierungsmaterialien tief in die Knochen der Mumien eingedrungen. Besonders schlimm stand es um Tutanchamun. Eimerweise hatten die Einbalsamierer die Salben über die Mumie geschüttet. Diese Materialien hatten sich mit der DNA des Königs verbunden, sodass keine chemischen Reaktionen mehr möglich waren und die Proben sich pechschwarz verfärbten. Es dauerte sechs Monate, die Proben zu reinigen und für die Analyse aufzubereiten.

Endlich hatte das Team sein erstes Ergebnis: einen Schnipsel von Tutanchamuns Y-Chromosom.

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Wann genau ihnen klar wurde, dass sie ihr Ergebnis hatten, wisse er nicht mehr, sagt Gad. Er kann sich nur an die Version erinnern, die das Team später für die Fernsehkameras nachspielte: ein buntes Diagramm erscheint auf einem Computermonitor, Hurrarufe, Gelächter, Teamkollegen schütteln sich die weiß behandschuhten Hände.

Am 17. Februar 2010 war Gad kaum zu sehen hinter dem Wald aus Mikrofonen, den Fernsehsender aus aller Welt im Ägyptischen Museum aufgebaut hatten. Zusammen mit drei Kollegen hatte der Genetiker große Neuigkeiten zu verkünden.

Vor ihnen waren drei Mumien aufgestellt. Zu jeder von ihnen hatte das Team einen Stammbaum über fünf Generationen erstellt. Bei der mysteriösen KV55-Mumie handelte es sich um Tutanchamuns Vater: Echnaton, der Revolutionär. Die Föten seien höchstwahrscheinlich Tutanchamuns Töchter. Doch die umwerfendste Erkenntnis lautete: Tutanchamuns Eltern waren Geschwister.

Hawass stellte sicher, dass die Ankündigung zum Medienspektakel wurde. Parallel zu der Pressekonferenz erschien ein Artikel im Medizin-Fachjournal „Jama“ und dem Discovery Channel war die Entdeckung eine vierstündige Sondersendung wert. Später schrieb Hawass die Seifenoper in einem Artikel für den „National Geographic“ aus. Echnaton und seine Schwester „säten die Saat für den frühen Tod ihres Sohnes“, schrieb er dort. Und: „Tutanchamuns Gesundheit war vom Zeitpunkt seiner Zeugung an gefährdet.“

Zur ethnologischen Einordnung der Mumien äußerten sich die Forscher nicht. Dazu gäben die vorhandenen Erkenntnisse nicht genug her, hieß es knapp. Andere hatten keine Skrupel zu spekulieren – und ließen damit den ideologischen Kampf wieder aufflammen.

Der Schweizer Ahnenforschungsfirma Igenea reichte ein unscharfer Screenshot von einem Kurvendiagrammm, das im Film kurz zu sehen ist. Dessen Verlauf, so die Schweizer, sei ein klarer Beweis dafür, dass Tutanchamuns Vorfahren der Haplogruppe R1b1a2 angehörten – deren Nachfahren finden sich selten im heutigen Ägypten, aber häufig in Westeuropa. Prompt erklärten rechtsextreme Gruppen Tutanchamun für weiß. Auf YouTube kursieren Videos, in denen – gestützt auf die Ergebnisse von Gads DNA-Forschungen – behauptet wird, die Erbauer der Pyramiden seien Nordmänner gewesen.

Welche Hautfarbe hatte der Pharao? Schon im Jahr 1970 hatte eine Tutanchamun-Ausstellung für Streit gesorgt, weil sie angeblich die afrikanische Herkunft des Ägypters verleugne. Zuletzt trieb eine Wanderausstellung im Jahr 2005 Protestler in vielen amerikanischen Städten auf die Straßen. Den Demonstranten war die in der Ausstellung präsentierte Rekonstruktion von Tutanchamuns Gesicht nicht „schwarz“ genug ausgefallen.

Igeneas Interesse an dieser Debatte scheint ein eher wirtschaftliches zu sein: Obwohl das Unternehmen wohl niemals Zugriff auf Hawass’ Daten hatte, warben die Schweizer auf ihrer Webseite damit, per DNA-Analyse die letzten lebenden Verwandten Tutanchamuns ausfindig zu machen. Zwischen 200 und 1100 Euro kostet ein Test. Besonderer Verkaufsanreiz: Sollte sich herausstellen, dass der Kunde tatsächlich mit dem Kinderkönig verwandt ist, erhält er sein Geld zurück.

Gad weigert sich, auch nur darüber zu sprechen, ob die Igenea-Analyse von der im Film gezeigten DNA-Kurve schlüssig sei: „Auf diese Weise darf man Wissenschaft nicht vermitteln.“

Selten wohl haben so viele Gruppierungen versucht, sich im Glanze einer vergangenen Zivilisation zu sonnen. Dass es sich bei den alten Ägyptern höchstwahrscheinlich um eine ethnisch gemischte Gruppe handelte, interessierte dabei wenig.

Doch die ägyptischen Forscher hatten noch einen weiteren Streit ausgelöst, über den die Zeitungen kaum berichteten, der aber ebenso heftig geführt wurde. Wenige Monate nach der Veröffentlichung von Hawass’ Ergebnissen publizierte das Fachmagazin „Jama“ einen Kurzbeitrag von Eske Willerslev und Eline Lorenzen, beide Forscher am Centre for GeoGenetics in Kopenhagen, einem der renommiertesten Labore für DNA-Analysen. Darin zerrissen sie Gads Ergebnisse in der Luft.

„In den allermeisten, wenn nicht sogar in allen Fällen, steht bei Mumien aus dem alten Ägypten keine DNA mehr zur Verfügung, die mit heutigen Mitteln analysiert werden könnte“, schrieben die beiden. „Wir bezweifeln die Zuverlässigkeit der in dieser Studie präsentierten genetischen Rohdaten und daher auch die Richtigkeit der von den Autoren gezogenen Schlussfolgerungen.“ Eine diplomatische Umschreibung der Aussage: „Wir glauben euch kein Wort.“

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Denn dem Höhenflug der DNA-Forschung an alten Funden in den frühen 80er- und 90er-Jahren war ein großer Absturz gefolgt. Es hatte sich herausgestellt, dass die PCR extrem anfällig gegenüber Verunreinigungen ist. Bereits kleinste DNA-Spuren in der Umgebung reichen aus, um die Ergebnisse zu verfälschen: ein Staubkorn, eine Hautzelle, ein Schweißtropfen. Nun folgte Studie auf Studie, sie offenbarten, dass frühere DNA-Entdeckungen an antiken oder gar prähistorischen Funden nicht so alt waren wie geglaubt. Auch Pionier Scott Woodward blieb nicht verschont. Seine 80 Millionen Jahre alte Dinosaurier-DNA stammte in Wirklichkeit von einem Neuzeit-Menschen.

Was nun? Einige Forscher wollten gar keine Mumien mehr untersuchen. Ihr Argument: Man könne nicht ausschließen, dass die Proben verunreinigt sind – durch Menschen, die die Mumien zuvor angefasst hatten oder durch die Wissenschaftler selbst. Sie verlagerten sich auf andere Spezies, deren DNA nicht so leicht mit der von Menschen verwechselt werden kann. Andere meinten, es reiche aus, strengere Anforderungen an die Untersuchungen zu stellen.

Das Forschungsgebiet spaltete sich. Anhänger und Skeptiker der Mumien-Analyse veröffentlichten in unterschiedlichen Fachzeitschriften, besuchten unterschiedliche Kongresse und weigerten sich vielfach sogar, auch nur miteinander zu reden. Aufseiten der Skeptiker fanden sich viele Mitarbeiter von großen Laboren wie Willerslev und Lorenzen. Viele Befürworter standen in Verbindung mit dem Ägyptischen Museum.

Und die ägyptischen Mumien waren ihr liebstes Streitobjekt. Denn DNA zersetzt sich schnell bei hohen Temperaturen. Untersuchungen an weitaus älteren, tiefgefrorenen Objekten wie Mammuts seien deshalb möglich, sagten die Skeptiker. Unmöglich aber könne das Genmaterial von Tutanchamun und seinen Angehörigen 3000 Jahre lang die Backofenhitze der ägyptischen Wüste überstanden haben.

Die Erklärung für die DNA, die Gads Team gefunden hat: Sie stamme von Grabforschern. Gads Team selbst hatte zwar mit Schutzanzügen und Handschuhen gearbeitet, doch vorherige Forscher waren weniger vorsichtig. Weder Carters Männer, die Tutanchamun 1925 ausgewickelt hatten, noch die Forscher, die 80 Jahre später den CT-Scan an ihm durchgeführt haben. „Man sieht, wie Fernsehleute Mumien mit bloßen Händen hochheben und ihr Schweiß auf die Mumien tropft“, sagt Tom Gilbert, Forscher am Centre for GeoGenetics. „Das ist eine klassische Quelle von Verunreinigungen.“

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Gads Team hatte mehrere Schutzmaßnahmen ergriffen und einige Untersuchungen in einem anderen Labor wiederholt. Den Skeptikern genügte das nicht. Gad habe seine Rohdaten nie freigegeben und ohnehin nur einen kleinen Teil der vervielfältigten DNA entschlüsselt, sagt Kritikerin Lorenzen. „Wenn man mit Proben arbeitet, die so bekannt sind, muss man den Leser davon überzeugen, dass man das richtige Material untersucht hat. Ich bin davon nicht überzeugt.“ Sie habe sich öffentlich äußern müssen, weil sonst falsche Ergebnisse in der Schule gelehrt würden.

Andere Wissenschaftler teilen ihre Befürchtungen. „Die Studie hätte viel besser ausgearbeitet sein können“, sagt Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, einer der Begründer der Forschung an alter DNA (aDNA). Ian Barnes, ein aDNA-Spezialist an der University of London, sagte, er wäre „äußerst zurückhaltend“ bei der Auswertung solcher Daten. Gilbert von GeoGenetics ist direkter. „Ich habe dieses Forschungsfeld schon lange abgeschrieben“, sagt er. „Da wird lauter Mist verzapft.“

Gad und seine Kollegen standen unter enormem Druck. Haben sie in schlechte Daten die Familienverhältnisse hineininterpretiert, die sie unbedingt finden wollten? Das Team selbst gab sich absolut überzeugt von seinen Ergebnissen: Die Einbalsamierungstechniken, die im ägyptischen Königshaus üblich waren, habe die DNA der Mumien konserviert.

„Ich weiß nicht, warum die Leute so streng urteilen“, sagt Carsten Pusch. Der Tübinger Humangenetiker war kurz nach der Entnahme der Proben zum Team gestoßen. Monatelang habe man am Ägyptischen Museum in mühsamen Experimenten den Knochen die DNA entlockt. „Diese Kritiker haben nie an königlichen Mumien gearbeitet. Das ist echte Pionierarbeit. Ich wünschte, man würde uns mehr Zeit lassen.“

Doch schon bald sollte sich zeigen: Zeit war das Einzige, was sie nicht hatten.

Im Januar 2011 saß Gad in seinem Kairoer Labor, während die Demonstrationen draußen auf den Straßen jeden Tag größer wurden. Einen Monat zuvor hatte sich in Tunesien ein junger Straßenhändler angezündet, um gegen den korrupten Polizeiapparat zu protestieren. Es war der Auslöser für den Arabischen Frühling – die Protestwelle gegen repressive Regime in der gesamten arabischen Welt.

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Auch die Ägypter waren nach 30 lähmenden Jahren die Mubarak-Herrschaft leid. Zu Tausenden gingen die Menschen auf die Straße. Anfangs wollte Gad nicht mitmarschieren, um seinen Job nicht zu gefährden. Wenn es zu einer Revolution kommen sollte, könnte er in einer einflussreichen Position besser beim Wiederaufbau helfen, so seine Überlegung.

Doch am Morgen des 28. Januar konnte er sich nicht länger abseits halten. Alles deutete darauf hin, dass sich nach diesem Freitagsgebet eine riesige Menschenmenge versammeln würde. Mit seinen beiden Schwiegersöhnen besuchte Gad erst eine Moschee im Kairoer Vorort Nasr City. Danach ging er zu Fuß die acht Kilometer bis zum Tahrir-Platz.

Die Entwicklung an diesem Tag übertraf alle Erwartungen. Hunderttausende Menschen demonstrierten für ein demokratisches Ägypten und hielten gewalttätigen Angriffen regierungsnaher Gruppen stand. Die Soldaten der mächtigen ägyptischen Armee sahen von ihren Panzern aus zu. Die Polizei zog sich komplett zurück. Die öffentliche Ordnung existierte nicht mehr.

In derselben Nacht brachen Unbekannte in das Ägyptische Museum ein und verwüsteten die Ausstellungsräume. Am schlimmsten traf es die Exponate aus Tutanchamuns Grab und andere Gegenstände aus derselben Zeit – die Vitrinen wurden zerbrochen, ihr Inhalt zerstört und auf dem Boden verstreut.

Die Behörden behaupteten, für die Zerstörungen seien Plünderer verantwortlich, die durch ein Glasdach eingestiegen seien. Angesichts einer Deckenhöhe von zehn Metern ein schwieriges Unterfangen. Schnell kamen Gerüchte auf, die Regierung habe den Einbruch organisiert, um die Protestbewegung in ein schlechtes Licht zu stellen. Kaum dass der Einbruch bekannt wurde, bildeten junge Demonstranten einen Schutzring um das Museum.

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Während sich Gad den Demonstranten anschloss, blieb Hawass an der Seite des Regimes. Inmitten der Unruhen wurde er mit einer Beförderung in das Kabinett belohnt, als Staatsminister für die Altertumssammlung. In Interviews unterstützte er Mubarak vorbehaltlos und bestritt hartnäckig alle Berichte, wonach im ganzen Land unschätzbar wertvolle Artefakte geplündert worden seien. „Alle ägyptischen Denkmäler sind sicher“, schrieb der bekannteste Ägyptologe der Welt am 2. Februar in einem Blogeintrag, später fügte er hinzu: „Ich möchte, dass alle die Ruhe bewahren.“

Wenige Tage später, am 11. Februar, trat Mubarak als Präsident zurück, und das Militär übernahm die Herrschaft. Nun musste Hawass zugeben, dass sehr wohl Altertümer geraubt worden waren. Seine Stellung war in Gefahr. Bald sah er sich einer Reihe von Vorwürfen ausgesetzt – angefangen vom Diebstahl von Altertumsgegenständen bis hin zu Korruption.

Auch das Tutanchamun-Projekt geriet in die Kritik: Hawass habe National Geographic rechtswidrig gestattet, die Schätze des Pharaos im Ausland auszustellen. Mit dem Einsatz ausländischer Wissenschaftler habe er gar die nationale Sicherheit gefährdet. Wie viele andere Angehörige des Mubarak-Regimes verlor Hawass im Juli 2011 seinen Posten.

Gad hingegen war zu dieser Zeit geradezu euphorisch: Sein Land stand vor den ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten, 2011 sei „ein Jahr der Hoffnung“, sagte er damals.

Für die Wissenschaftswelt brachte 2011 aber keine guten Nachrichten. Nach Hawass’ Weggang stellte sich heraus, dass die Altertumsbehörde immense Schulden hatte – mehrere Hundert Millionen Dollar bei verschiedenen Banken. Das Geld, das durch die Tutanchamun-Ausstellungen hereingekommen war, war verschwunden.

Der Mann, der länger als ein Jahrzehnt das Gesicht der Archäologie in Ägypten gewesen war, war nicht mehr zuständig. Und keiner der Minister, die ihm in raschem Wechsel folgten, konnte das finanzielle Chaos ordnen – oder auch nur die anhaltenden Plünderungen archäologischer Stätten stoppen.

Die Arbeit an den Mumien kam zum Stillstand. Wissenschaftler aus Gads Team suchten sich neue Stellen. Gad selbst nahm einen Verwaltungsjob am Nationalen Forschungszentrum an, Studenten gingen ins Ausland, und der Plan, die Mumie der Nofretete zu suchen, wurde aufgegeben. Hawass, der die treibende Kraft bei der Mumienforschung gewesen war, hatte einen hohen Preis gezahlt. Niemand in der Altertumsbehörde wollte das Projekt weiterführen – oder auch nur riskieren, eine Weiterführung abzusegnen.

Die Kritik an seiner Arbeit hat Gad schwer getroffen – doch ohne sein Labor kann er seine Ergebnisse nicht belegen.

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Vielleicht hatte Sobek ein Einsehen mit Gad. Als Opfergabe für den Krokodilgott balsamierten die alten Ägypter Reptilien ein, um sie als Grabbeigabe zu verwenden. 2011 untersuchten amerikanische Forscher einige davon mit der PCR-Technik. Zum Erstaunen der Skeptiker fanden sie dabei Gensequenzen, die ganz eindeutig von Krokodilen stammten. Da die Arbeit unter unangreifbaren Bedingungen durchgeführt worden war, war dies ein klarer Beweis: DNA konnte auch in jahrtausendealten Mumien überleben.

Kurze Zeit später erschien eine weitere Studie über den Nachweis von DNA in mumifizierten Katzen. Der erbitterte, jahrelange Streit hatte ein Ende. Selbst scharfe Kritiker wie Gilbert ließen sich davon überzeugen, dass die DNA jedenfalls bei einigen ägyptischen Mumien die Zeit überstanden haben konnte. Innerhalb von nur wenigen Monaten hatten sich die Perspektiven für das Forschungsgebiet radikal verändert.

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Noch immer diskutieren Forscher darüber, ob die Proben der Tutanchamun-Studie verunreinigt worden sind. Aber die bei der Katze und den Krokodilen erzielten Ergebnisse zeigen, dass ägyptische Mumien mit einer neuen DNA-Analysetechnik untersucht werden können. Anders als bei der PCR-Methode legt man sich beim Next Generation Sequencing (NGS) nicht mehr auf bestimmte DNA-Sequenzen fest, sondern vervielfältigt alle Bruchstücke. So bekommen Wissenschaftler einen Überblick über das gesamte Erbgut in der Probe und können Verunreinigungen leichter erkennen.

Da nun auch wesentlich kürzere Gensequenzen als bisher für Analysen ausreichen, können Wissenschaftler jetzt auch ältere Proben untersuchen, in denen die DNA nur noch bruchstückhaft vorhanden ist. So gewinnen sie detailliertere Daten als jemals zuvor – bis hin zum vollständigen Genom. Seit 2010 analysieren führende aDNA-Labore wie das von Pääbo in Leipzig und das von Willerslev in Kopenhagen mit NGS die Genome verschiedener Menschen aus der Vorzeit, die in der Kälte erhalten geblieben sind: das des 4000 Jahre alten Saqqaq-Menschen; das des Denisova-Menschen – und das von „Ötzi“, des 5300 Jahre alten Gletschermanns aus den Ötztaler Alpen.

Bei ägyptischen Mumien könnte diese Technik Unmengen an Informationen liefern, sagt Gilbert. „Beim Denisova-Menschen hatte man nur einen Fingerknochen. Hier hat man die ganze Mumie.“

Für Tutanchamun hieße das: Es wäre nicht nur möglich, die DNA des Pharaos selbst zu entziffern, sondern die von allen Organismen, die mit seiner Mumie in Verbindung standen. Vom Inhalt seines Magens über die von seinen Einbalsamierern benutzten Pflanzen bis hin zu den Infektionen, die er im Körper trug. Gad und seine Kollegen sprechen auch vom „altägyptischen Meta-Genom“.

Allein mit den derzeit vorhandenen Mumien könnten Ägyptologen die vollständigen Genome Hunderter oder Tausender Individuen entschlüsseln. Sie könnten ergründen, woher diese Menschen kamen und wie sie sich verbreitet haben. Auch das Rätsel um die ethnische Herkunft der Pharaonen könnte ein für alle Mal gelöst werden.

Aber wann dies geschehen könnte, steht in den Sternen. Denn Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Im Sommer 2013 erfuhr Gad zum zweiten Mal, was die Macht des Volkes bewirken kann. Wieder streikte er und demonstrierte gemeinsam mit Millionen anderer Ägypter. Diesmal gegen den erst ein Jahr zuvor demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi. Dieser hatte sich schnell unbeliebt gemacht. Vor allem durch neue Gesetze, die seine Macht und die seiner Muslimbruderschaft stärkten. Gad verärgerte besonders, dass Mursi als Gouverneur für Luxor ausgerechnet einen Mann eingesetzt hatte, der einer islamistischen Terroristengruppe angehörte, die dort 1997 Touristen ermordet hatte.

Wiederum reagierte die ägyptische Armee auf die Proteste und setzte den neuen Präsidenten ab. „Diesmal sind wir nicht mehr so naiv“, sagte Gad kurz nach der Machtübernahme durch die Militärs. „Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass der Weg zur Demokratie lang und mühevoll ist.“

Und tatsächlich leidet Ägypten nach wie vor vor unter einer schlechten Wirtschaftslage und der anhaltenden Gewalt zwischen rivalisierenden politischen Gruppen. Die Aussicht auf eine Weiterführung der Mumienforschung ist damit in noch weitere Ferne gerückt.

Doch die Akteure stünden bereit. So will Zahi Hawass ins Rampenlicht zurückkehren. Heute bestreitet er, Mubarak jemals nahegestanden zu haben, und sagt, dass sämtliche Ermittlungen gegen ihn eingestellt worden seien. Er plant eine weltweite Vortragsreihe und ein Buch über Tutanchamun. „Nur ich kann die Touristen zurückholen“, sagt er.

Und auch Gad hat Hoffnung, dass Ägypten irgendwann eine stabile Regierung bekommt. Eine, die wieder Geld für die Arbeit an den Mumien bereitstellt – und für die Anwendung der NGS-Technik. Genug Experten zu finden wäre wohl nicht das Problem. Denn viele der jungen Forscher aus dem Kairoer Team, die während der Wirren ins Ausland gegangen sind, arbeiten dort mit ausländischen Wissenschaftlern – und werden dort in exakt den Techniken geschult, die sie in Ägypten benötigen würden.

„Ich habe keine Eile“, sagt Gad. Was sind schon ein paar unruhige Jahre? Tutanchamuns Mumie wartete mehr als 3000 Jahre auf ihre Entdeckung, in genau der Grabkammer, in der sie heute noch liegt, zehn Meter unter dem Wüstensand.

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