Die Schönheit der Stärke

Wie kompliziert kann das Innenleben eines Getreidekorns schon sein? Außen Schale, innen mehliges Zeugs, fertig. Falsch, wie die Bilder des Wissenschafts-Fotografen Oliver Meckes zeigen: Jedes Korn ist eine Kathedrale

Das Innenleben eines Weizenkorns in 180facher Vergrößerung
Das Innenleben eines Weizenkorns in 180facher Vergrößerung
Um diese Bilder möglich zu machen, brauchte Oliver Meckes vom Wissenschafts-Fotostudio Eye Of Science viele Versuche. Um die feine innere Struktur des Korns nicht zu zerstören, musste er einen sehr klaren Bruch des Korns schaffen. Ein gewöhnliches Küchenmesser hätte es nicht getan, seine Klinge zerquetscht schlicht das Innere des Getreidesamens.

Für den Blick ins unversehrte Korn hat sich der Fotograf in seiner Werkstatt Miniatur-Schraubzwingen gebaut, mit denen er die Körnchen fixieren kann – um sie sicher zu spalten. Und zwar mit Rasierklinge und Hämmerchen. „Das hat die Wirkung eines Beils beim Holzhacken“, erklärt er. „Die Klinge schiebt das Korn auseinander, zerstört aber nicht die Struktur.“ Dennoch musste er die Prozedur mit unzähligen Körnern durchführen, ehe ihm Aufnahmen wie diese glückten. „Die Eiweißpakete in der obersten Schicht, die grünen Päckchen, fielen immer raus.“

In der 600fachen Vergrößerung sind die Stärkekörnchen (gelb eingefärbt) besonders gut zu erkennen.
In der 600fachen Vergrößerung sind die Stärkekörnchen (gelb eingefärbt) besonders gut zu erkennen.
Vor der Aufnahme bedampft Meckes das Innere des Weizenkorns noch mit Gold. Die hauchdünne Metallbeschichtung verhindert, dass sich die kleinen Fotomodelle elektrisch aufladen und damit das Bild, das mit Elektronenstrahlen erzeugt wird, verfälschen. Damit der Elektronenstrahl senkrecht auf die Kornhälfte trifft, greift Meckes wieder in die Miniatur-Trickkiste und fixiert die Spitze mit einem elektrisch leitfähigen Kleber. Dann – endlich – ist das Weizenkorn bereit fürs elektronenmikroskopische Blitzlichtgewitter, das millionstel Millimeter für millionstel Millimeter aufnimmt.

Kann so etwas schönes ungesund sein? Das alte Grundnahrungsmittel Weizen hat neuerdings einen schlechten Ruf – nicht nur als Dickmacher, auch als Auslöser von Diabetes, Depressionen und Demenz. Die erste Geschichte in unserer Experimental-Rubrik “Labor” haben wir der Saat des Bösen” gewidmet. Darin geht Linda Geddes der Frage nach, ob die Studienlage den Generalverdacht rechtfertigt.


In der Rubrik Substanzaufklärung stellen wir Fotoprojekte vor, die in die Tiefe gehen. Wir beginnen mit Bildern von Eye Of Science – eines von zwei Fotostudios in Deutschland, die sich auf die Abbildung mikroskopisch kleiner Dinge spezialisiert haben. Die Liebe zum Detail haben Oliver Meckes und seine Frau Nicole Ottawa schon früh entdeckt. Er als Jugendlicher mit dem ersten eigenen Mikroskop, sie im Studium – auf der vergeblichen Suche nach guten Aufnahmen in Fachbüchern.

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