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Von: Karl Urban

Nur 16 Tage dauerte im Herbst 2013 die US-Haushaltssperre – doch diese 16 Tage genügten, um fast die gesamte amerikanische Antarktis-Forschung aus den Angeln zu heben. Und mit ihr die Karrierepläne hunderter Nachwuchsforscher. Die Geschichte einer Tragödie.

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Als Dorota Szuta endlich im Tauchanzug steckt, fühlt sie sich um Zentimeter geschrumpft und gleichzeitig aufgebläht wie ein satter Seeleopard. Unter dem schwarzen Neopren wölben sich Thermounterwäsche, gepolsterte Hose, ein Fleecehemd und noch eine Daunenjacke. Schwer lastet die Pressluftflasche auf ihren Schultern, eng umklammern Latexmanschetten ihren Hals und die Handgelenke. Kein Tropfen darf unter den Anzug dringen, wenn sie in das eiskalte Wasser springt, das wegen seines Salzgehaltes selbst bei knapp zwei Grad minus noch flüssig ist. Aber die zierliche Meeresbiologie-Studentin steht nicht im Polarmeer, sondern auf einem Parkplatz in der kalifornischen Kleinstadt Santa Cruz. Unter der brütenden Sonne übt sie immer und immer wieder die lebensrettenden Handgriffe. Handgriffe, die sitzen müssen, wenn sie endlich an dem Ort sein wird, von dem sie schon so lange träumt: der Antarktis.

Mit Dorota Szuta träumen Hunderte von Studenten und Nachwuchswissenschaftlern. Es ist der Sommer 2013, und in wenigen Monaten soll der Traum der jungen Forscher wahr werden: eine Expedition ins Südpolar-Eis, das Sprungbrett für ihre wissenschaftlichen Karrieren. Sie wollen im eiskalten Wasser das Leben von Meeresräubern erforschen, Teleskope auf die Spuren des Urknalls richten und mit Heißwasserbohrern unterirdische Seen erschließen, die seit der letzten Eiszeit unberührt sind.

Kaum einer von ihnen wird sein Ziel erreichen. Es ist der Sommer 2013, und in wenigen Monaten wird die US-Regierung für etwas mehr als zwei Wochen in Agonie erstarren. Shutdown, Haushaltssperre: Zwei Wochen lang ist die Nation zahlungsunfähig. Zwei Wochen, die fast eine gesamte Forschungswelt aus den Angeln heben werden.

Warum sollte ich noch einmal fünf Jahre meines Lebens in ein Projekt investieren, wenn es irgendjemand streicht, der nicht einmal weiß, dass es uns gibt?

SLAWEK TULACZYK, GLAZIOLOGE

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In der amerikanischen Antarktis-Forschungsstation McMurdo kennt der Kalender nur zwei Jahreszeiten: die helle und die dunkle. Rund acht Monate lang dauert die Finsternis; kein Schiff legt an, kein Flugzeug kann landen während der gefährlichen Stürme, vor denen die Menschen in ihre Wohncontainer flüchten. Nur ein kleines Häufchen von Menschen harrt hier den Winter über aus und wartet auf das Licht – und auf den Moment, in dem McMurdo wieder zum Leben erwacht. Im Oktober wird die Forschungsstation auf einen Schlag zur Kleinstadt. Auf knapp 1000 Menschen schwillt die Bevölkerung an, ein Flecken Zivilisation am Rande der weltgrößten Eiswüste, knapp 3500 Kilometer südlich von Neuseeland. Gegen die US-Niederlassung McMurdo sind Stationen wie der deutsche Außenposten Neumayer III nur Dörfer.

Die Vereinigten Staaten leisten sich das größte polare Forschungsprogramm der Welt, 300 Mio. Dollar jährlich kostet die aufwendige Infrastruktur. Die Wissenschaftler wären aufgeschmissen ohne das Heer von Mechanikern, Elektrikern, Hausmeistern, Reinigungskräften, Köchen, Piloten und Eistraktorfahrern. Im Südpolarsommer, zwischen Anfang Oktober bis Mitte Februar, landen fast täglich die großen Frachtmaschinen, manche fliegen weiter in die Eiswüste – als Shuttle für die Forscher, die dort draußen arbeiten. Und wenn am Ende der Saison das Meereis dünner wird, räumt ein Eisbrecher die Bucht für das Containerschiff, das Nachschub für das nächste Jahr bringt, vor allem Baumaterial und schwere Maschinen.

Die komplizierte Logistik verzeiht keine Fehler. Die Natur schert sich nicht um Haushaltsdebatten und politische Ränkespiele. Wer hier forschen will, muss Termine einhalten, die die lebensfeindliche Umgebung vorgibt.

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Auf den allerletzten Drücker hat Slawek Tulaczyk es in der vergangenen Saison, im Frühjahr 2013, aus der Eiswüste geschafft. „Knapper hätte unser Timing nicht sein dürfen“, sagt der Glaziologe, der mit seinem Team in einer Zeltstadt rund 700 Kilometer Luftlinie entfernt von McMurdo ausgeharrt hatte.

Wochenlang hatten kettenbewehrte Traktoren zwei Dutzend tonnenschwere Container über das Eis gezogen, wenn nicht gerade wieder ein Schneesturm alles zum Erliegen brachte. Ein gewaltiger Aufwand für rund 20 Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien, Kollegen von Tulaczyk, die einen internationalen Wettlauf gewinnen wollen: Wer kann zuerst Organismen unter dem antarktischen Eisschild nachweisen?

Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass unter dem kilometerdicken Eis eine ganze Seenlandschaft auf dem antarktischen Festlandgestein liegt. Etwa 200 solcher Reservoire kennen die Glaziologen heute, vermutlich sind es deutlich mehr. Der größte, der Wostoksee, ist etwa 1100 Meter tief und enthält hundert Mal mehr Frischwasser als der Bodensee. Gemeinsam bilden die verborgenen Seen eine feuchte Unterlage für den weltgrößten Eisschild. Diese Entdeckung brachte eine alte Vorstellung ins Wanken. Lange hielten Forscher das antarktische Eis für einen unbeweglichen Koloss, sogar Atommüll sollte dort eingelagert werden. Aber das Eis bewegt sich. Erst 2008 entdeckten US-Forscher, dass der 500 Kilometer lange Whillans-Eisstrom zweimal am Tag einen knapp einen Meter weiten Satz nach vorn macht, ausgelöst durch die Gezeitenkräfte und geschmiert vom Wasser an der Basis.

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Unterhalb des Eisstroms hatten Forscher im Jahr zuvor einen wenige Meter tiefen See gefunden: Lake Whillans, den See, in dem Tulaczyks Team nach Leben sucht, im Januar 2013. Die Zeit drängt, seinem Team droht die Zwangsevakuierung, weil in wenigen Tagen keine Rettungsflieger von McMurdo mehr aufsteigen können.

Tulaczyk lässt weiterbohren. Dann der Moment des Triumphes: In dem kleinen Kontrollraum in einem der Container brandet Jubel auf. Zum ersten Mal sehen Menschen ein Kamerabild aus dem Inneren eines subglazialen Sees. Eine neblige braune Brühe. Nur langsam lichtet sich der Schleier aus aufgewirbeltem Schlick, im bläulichen Kameralicht erblicken die Forscher eine fremdartige Welt aus grauem Sediment.

Vier Millionen Dollar hat der Spezialbohrer gekostet, mit dem sie sich in die Tiefe vorgearbeitet haben. Die Aufgabe ist fordernd: Wenn dort unten etwas lebt, dann ist es wahrscheinlich seit Jahrtausenden von der Umwelt isoliert. Jeder Keim, den die Forscher bei ihrer Suche einschleppen, kann stören.

Der Bohrer muss also völlig steril durch die 800 Meter dicke Eisdecke dringen. Den Weg bahnt 90 Grad heißes Wasser aus einer Hochdruckdüse an der Spitze des Apparates. Das Bohrwasser, jedes Messinstrument und jedes Kabel behandeln Techniker mit UV-Licht und einem starken Desinfektionsmittel, bevor sie es in den Bohrschacht hinabbefördern.

Tulaczyks Team sichert die Proben und rüstet sich eilig für den Heimweg. Das Bohrgerät wird verpackt und bleibt im Eis zurück. Damit die Frachtcontainer nicht unter meterhohen Schneeverwehungen verschwinden, errichten Arbeiter mit ihren Traktoren einen Schutzwall aus Schneehügeln. Berme nennt man diese Konstruktion, und so taufen die Techniker ihr Bauwerk Bermhenge – nach dem steinzeitlichen Stonehenge in Südengland. Ganz so langlebig soll ihr Konstrukt nicht sein, schon in einigen Monaten wollen sie ja wieder hier sein. So denken alle, als McMurdo hinter ihnen in Sturm und Dunkelheit versinkt.

Nur ein Fünftel der Forscher und Angestellten überwintert auf McMurdo, um die Station in Betrieb zu halten. Slawek Tulaczyk kehrt an sein 13.600 Kilometer entferntes Institut an der University of California in Santa Cruz zurück und tut das, was ein Antarktisforscher daheim eben so tut: den Papierkram erledigen für die nächste Expedition. Er berechnet, wie viel Platz sein Team und dessen Ausrüstung im kommenden Oktober in den Transportmaschinen brauchen wird, und beantragt Flugzeit bei der National Science Foundation (NSF), dem größten staatlichen Forschungsfinanzier. Sorgen macht er sich da noch nicht – schließlich geht es um ein Vorzeigeprojekt der US-Wissenschaft.

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In einer Außenstelle der Universität, 40 Kilometer die Küstenstraße entlang, bereitet auch Stacy Kim im August 2013 ihre Expedition vor. Vor wenigen Wochen hat die Professorin für Meeresbiologie ihr letztes Forschungsprojekt in Nordamerika abgeschlossen. Jetzt will sie sich mit Studenten, Doktoranden und Technikern ausschließlich dem antarktischen Ozean widmen. Die Biologen wollen dort ein einmaliges Schauspiel untersuchen: Im anbrechenden antarktischen Sommer breiten sich zuerst winzige Algen, das Phytoplankton, im lichtdurchfluteten Wasser aus. Das motiviert winzige Krebse zum Aufbruch, die monatelang im Meereis geruht haben. Der Krill, wie Biologen diese Schwärme von Krebstieren nennen, liefert die Nahrungsgrundlage für viele Tierarten im Südpolarmeer. Pinguine, Wale, Robben und Seevögel und Fische finden nun genug zum Fressen. Das zieht zudem Orcas an, die größten Meeresraubtiere der Region. Fernab von Städten, Schmutz, den meisten Fischtrawlern und ihren Schleppnetzen leben so viele von ihnen wie nirgendwo sonst. „Es ist fast nur noch in der Antarktis möglich, die ursprüngliche Rolle der Raubtiere zu untersuchen“, sagt Kim. Mit einem elfköpfigen Team will sie im Oktober nach McMurdo aufbrechen.

Mit dabei: Kims Studentin Dorota Szuta, die sich gerade draußen in der kalifornischen Sonne durch ihre Tauchübungen schwitzt. Zwanzig Trainingseinsätze im gut isolierten Trockenanzug sind vorgeschrieben, bevor ein Taucher in der Antarktis arbeiten darf. Dazu kommen acht Trainingseinsätze in besonders großen Tiefen. Und natürlich der Ärztemarathon, den alle Arktisforscher vorab absolvieren müssen, damit sie dort unten keine bösen Überraschungen erleben. Szuta schneidet gut ab, bei ihr muss sicherheitshalber nur ein Zahn gezogen werden.

Bei ihren Tauchgängen will die Biologin Krebstiere, Würmer und Sterntiere am Meeresgrund zählen. Viel Zeit wird sie dafür nicht haben. Denn mit jedem weiteren Sommertag in der Antarktis breiten sich die Algen im nährstoffreichen Wasser aus. Wenn kaum noch eine Hand vor Augen zu erkennen ist, wird der Abstieg für Menschen zu gefährlich. Dann kommt SCINI zum Einsatz, das „Submersible Capable of under Ice Navigation and Imaging“. Das torpedoförmige, ferngesteuerte Mini-U-Boot haben die Forscher selbst entwickelt, um die antarktische Unterwasserwelt zu erforschen. Wenn Szuta gerade nicht für ihre Tauchgänge trainiert, übt sie an der Steuerung des SCINI – dem Controller einer Playstation-Spielkonsole: „Hätte ich als Kind mit so etwas gespielt, wäre mir die Arbeit mit SCINI sicher leichter gefallen“, sagt sie.

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Knapp 3000 Kilometer südöstlich von Santa Cruz mühen sich Polarforscher mit einem noch viel größeren Gerät ab. Wie eine gigantische Regentonne sieht das Ungetüm aus, das ein Kran vom Lastwagen hievt und in eine Halle der US-Raumfahrtbehörde NASA bugsiert. Früher wurden hier die Trümmerteile des verunglückten Spaceshuttles Columbia gesammelt, heute dient der Hangar in der texanischen Kleinstadt Palestine der Forschung. In der Columbia Scientific Balloon Facility erproben Wissenschaftler Messinstrumente, die sie an Ballons in die Atmosphäre über der Antarktis aufsteigen lassen wollen.

Den ganzen Sommer werden der Physiker William Jones und seine 15 Studenten, Doktoranden und Mitarbeiter hier verbringen, um ihr Monstrum intensiv zu testen. Spider heißt die gewaltige Tonne, in der sechs Teleskope und ein Berg Elektronik verbaut sind. Es sieht aus wie ein Forschungssatellit, aber für William Jones ist Spider etwas viel Besseres. „Einen Satelliten ins All zu schicken gelingt oft nur einmal in einem Forscherleben“, sagt der Astrophysiker von der Princeton University. „Was wir hier machen, ist dafür jedes Jahr möglich und kostet nur ein Bruchteil dessen, was eine Weltraummission kostet.“

Für astronomische Beobachtungen bietet das Polargebiet ideale Bedingungen. Die Atmosphäre ist dort so dünn und rein, dass Signale aus dem All kaum verzerrt werden, auch stört kein Kunstlicht den Blick ins Universum. Die NASA unterhält daher wenige Kilometer vor McMurdo eine Startanlage für Forschungsballons, die wochenlang in der Luft bleiben können. In einer Höhe von 33 Kilometern dehnt sich ihre dünne Haut von 20 Meter auf 140 Meter Umfang aus. Am Seil darunter hängen vor allem Weltraumteleskope, die nun schon einen Teil der für die Messungen störende Erdatmosphäre unter sich haben. Die Bordsysteme steuern die Ballons vollautomatisch und halten dabei die wissenschaftlichen Instrumente völlig ruhig.

Über Wochen soll das Spider-Teleskop den Südhimmel ablichten. Jones und seine Kollegen sind auf der Suche nach dem Echo des Urknalls, der vor 13,8 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Das Forschungsfeld ist hart umkämpft, Astrophysiker aus aller Welt versuchen, Zeichen vom Anbeginn der Welt einzufangen. Jones und sein Team haben allein drei Jahre in die Entwicklung von Spider gesteckt, knapp acht Millionen Dollar hat die NASA in das Projekt investiert – jetzt wollen sie das Teleskop erstmals einsetzen und die verfügbare Flugzeit in der Antarktis voll ausnutzen.

Am 15. August 2013 klart das Winterwetter um McMurdo erstmals nach Monaten auf, der Südpolarsommer naht. Die Tage werden spürbar länger, aber noch immer lugt die Sonne nur für zwei Stunden über den Horizont. Das erste Flugzeug landet, eine Boeing C-17 Globemaster der US-Luftwaffe mit 51 Passagieren und Dutzenden Tonnen Nachschub an Bord. Bald landet eine weitere Maschine. Die Saison steht unmittelbar bevor.

In Texas zerlegen die Forscher derweil ihr Teleskop und verpacken die Einzelteile in vier Frachtcontainer und eine von innen gut gepolsterte Holzkiste, groß wie ein Lkw. Darin steckt der sensibelste Teil von Spider: der Kryostat, der das Teleskop auf minus 269 Grad Celsius herunterkühlen soll. Dann wird die empfindliche Fracht nach McMurdo ausgeflogen. Nach Jahren der Vorbereitung ist Spider fast am Ziel.

Am 1. Oktober soll McMurdo schlagartig in den Sommerbetrieb wechseln. Hunderte Forscher machen sich bereit, um in die Antarktis zu fliegen, zu ihren Projekten, die sie jahrelang geplant haben.

Es wird nicht dazu kommen.

In der Nacht auf den 1. Oktober verfügt Präsident Barack Obama den Shutdown: Die USA sind offiziell zahlungsunfähig. Ministerien und Ämter müssen sofort ihre Arbeit einstellen – und alle über Bundesmittel finanzierten Forschungseinrichtungen. Auch McMurdo.

Monatelang hatten Republikaner und Demokraten um den Staatshaushalt gestritten, um Steuern und neue Schulden und die gerade erst eingeführte Krankenversicherung. Am 30. September 2013 verhandeln beide Seiten nochmals über mehrere Stunden miteinander – erfolglos. Mit der Haushaltssperre geht das sensible System der US-Polarforschung zu Boden wie ein Sprinter, der schon auf der Startlinie stürzt.

Noch an demselben Tag versetzt die Direktorin des US-Antarktisprogramms Kelly Falkner die US-Antarktisstationen in einen „Hausmeister-Status“: Nur wer kocht, für elektrischen Strom sorgt oder Wasserleitungen wartet, darf noch arbeiten.

Für die Forscher beginnt ein Albtraum. Die National Science Foundation lässt massenhaft Flugtickets stornieren. Viele Wissenschaftler erfahren erst bei einem Zwischenstopp, dass sie nicht weiterfliegen dürfen. Andere landen nach über 30 Stunden Reisezeit in der Antarktis, die letzten sieben Stunden davon in fensterlosen Frachtmaschinen mit unbequemen Sitzen. Direkt nach der Landung in McMurdo erfahren sie, dass sie nicht arbeiten dürfen – oder direkt zurückfliegen müssen.

Auch die Ausrüstung für Stacy Kims Expedition geht versehentlich noch auf die Reise in die Antarktis. Der Tauchroboter SCINI, Messgeräte, Eisbohrer, Werkzeuge. Dorota Szutas gesamte Winterkleidung. Insgesamt 700 Kilogramm Material. Doch niemand wird es auspacken.

Als Szuta erfährt, dass ihr Ticket storniert wurde, glaubt sie noch an eine kurze Verzögerung. Der Ernst der Lage dämmert ihr eine Woche später, als sie mit einem Freund telefoniert, der durch den Shutdown auf McMurdo festsitzt. Wenn die Auszeit noch einige Tage weitergehe, sagt er, gebe es vielleicht gar keine Forschungssaison. Denn mit jedem Tag wächst das Chaos, geraten mehr Termine ins Wanken. „Ich wurde zunehmend nervös“, sagt Szuta.

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Wir forschen in einem Feld mit viel Wettbewerb. Mit jedem Jahr wird es schwieriger, an vorderster Front dabei zu sein.

WILLIAM JONES, PHYSIKER
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Am 16. Oktober tritt ein erleichterter Barack Obama vor die Kameras und verkündet das Ende des Shutdowns. Einen Tag später öffnen die US-Behörden wieder. Für viele Antarktisforscher ist es da schon zu spät.

Zwei Tage später schreibt Scott Borg, NSF-Chefwissenschaftler für die Antarktis, seinen „lieben Kollegen“. Er will „so viel unseres Forschungsplans wiederherstellen wie möglich“. Dass es mehrere Totalausfälle geben wird, schreibt er nicht. Darunter sind mehrere Projekte, in denen seit Jahren laufend Daten erhoben werden. Sie lassen sich nicht so einfach wieder aufnehmen; zu sehr verzerrt die Unterbrechung das Ergebnis der Langzeitstudien, reißt eine Lücke in den Strom der Messdaten.

Am härtesten trifft es die neuen Großprojekte, die seit Jahren vorbereitet werden. Die NSF teilt der NASA mit, dass alle drei geplanten Ballonflüge ausfallen. Allein die Startvorbereitungen vor Ort hätten zwei Monate gebraucht, nun reicht die Zeit dafür nicht mehr. Denn nur für einen knappen Monat zwischen Dezember und Januar ist die südpolare Luftströmung für Ballonstarts geeignet, weil sich dann stabiles Hochdruckwetter hält. „Dieses Zeitfenster ist schon unter normalen Bedingungen sehr knapp“, sagt Physiker William Jones. Neben seinem ultragekühlten Teleskop Spider dürfen auch ein Messgerät für kosmische Elementarteilchen und ein experimenteller Hochdruckballon nicht starten – ein Prototyp für höhere und damit ausgedehntere Ballonflüge in der Zukunft.

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Zumindest meine Mutter war wohl erleichtert, dass die Fahrt abgesagt wurde.

DOROTA SZUTA, BIOLOGIE-STUDENTIN
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Und so tritt Spider unverrichteter Dinge die Rückreise zum Teststand in Texas an. Wieder auspacken, wieder zusammenbauen, wieder testen, ob noch alles funktioniert, in der Hoffnung auf die nächste Saison. Aber nicht alle Teammitglieder können ein Jahr lang warten: Vier der zwölf Doktoranden müssen promovieren, ohne dass selbsterhobene Daten aus der Antarktis ihre Arbeit zieren. Und die übrigen fürchten, den wissenschaftlichen Anschluss zu verlieren. „Wir forschen in einem Feld mit viel Wettbewerb“, sagt Jones. „Mit jedem Jahr wird es schwieriger, an vorderster Front dabei zu sein.“

Und tatsächlich: Am 17. März 2014 kommt der befürchtete Angriff frontal – vom Konkurrenzprojekt BICEP2, „technisch gesehen, die Schwester von Spider“, wie Jones sagt. Mit dem Teleskop haben US-Kollegen den kosmischen Mikrowellenhintergrund untersucht und proklamieren nun, erstmals Spuren des Urknalls im Gas aus dem jungen Universum gemessen zu haben. Wenn sich die – derzeit noch umstrittenen – Ergebnisse bestätigen lassen, wäre das vielleicht die größte kosmologische Entdeckung seit Jahrzehnten.

Eine Entdeckung, die auch Jones und seinen Kollegen hätte gelingen können. Jetzt bleibt ihnen nur der Trostpreis: Sie können mit eigenen Nachmessungen den Fund der Konkurrenten bestärken – oder widerlegen. Eine wichtige, eine notwendige, eine ehrenwerte Aufgabe. Nur wissenschaftlichen Ruhm verheißt sie nicht.

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Es gibt viele Dinge in der Antarktis, die wir nicht kontrollieren können. Aber jetzt kommen zu den Naturgewalten auch noch politische Risiken.

SLAWEK TULACZYK, GLAZIOLOGE
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Auch andere Teams geraten ins Straucheln, sehen sich zurückgeworfen gegenüber den Konkurrenten aus Forschungsnationen wie Neuseeland oder Deutschland. Das Fachmagazin „Nature“ schreibt von den „wissenschaftlichen Opfern“ des antarktischen Notbetriebs.

Selbst wer nach wochenlanger Unsicherheit doch noch die Reise antreten darf, kann oft nur Schadensbegrenzung betreiben. Slawek Tulaczyk wollte mit seinem Heißwasserbohrer erstmals den Panzer des Ross-Schelfeises durchdringen. Um herauszufinden, warum dieses Hunderte Meter dicke Meereisfeld alle paar Jahre ein paar Meter vorwärtsrutscht. Doch das Team wird von 52 auf 15 Leute verkleinert, das Programm eingedampft. Der vier Mio. Dollar teure Heißwasserbohrer bleibt eingepackt, Tulaczyk muss sich damit begnügen, ein paar Erschütterungssensoren im Eis zu installieren – mit einem Kleinbohrer, der die Gletscherbasis gar nicht erreicht.

Als der Glaziologe die Bermhenge besucht, muss er sich durch meterhohe Schneeverwehungen kämpfen, zwei Tage lang arbeitet er sich mit Bagger und Schaufeln bis zu einer Containertür vor, um einige Gegenstände zu bergen. „Nach dem nächsten Winter dürfte dieses Manöver deutlich schwieriger werden“, sagt Tulaczyk. „Es gibt viele Dinge in der Antarktis, die wir nicht kontrollieren können.“ Schon früher saß er wochenlang in McMurdo fest, weil ein Schneesturm einfach nicht enden wollte. „Aber jetzt kommen zu den Naturgewalten auch noch politische Risiken. Warum sollte ich noch einmal fünf Jahre meines Lebens in ein Projekt investieren, wenn es irgendjemand in der Ferne streicht, der nicht einmal weiß, dass es uns gibt?“

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Ich weiß, dass es nicht mein Fehler ist, aber es fühlt sich so an.

STACY KIM, BIOLOGIE-PROFESSORIN
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Der Stillstand der US-Regierung fiel genau in jene Zeit, in der am Südpol alles ganz schnell gehen muss: Anfang Oktober werden die eingeschneiten Rollfelder freigeräumt, Hilfsarbeiter packen die Fracht aus und transportieren sie an ihre Bestimmungsorte, Wissenschaftler gewöhnen sich an die extreme Umgebung und prüfen ihre Instrumente.

Und mit jedem stornierten Experiment wuchs das Chaos: Damit keine Ladung sinnlos auf die lange Reise ging, mussten Lagerarbeiter all die Container neu sortieren, die auf den Abflug warteten. „Die tatsächliche Forschung wurde dadurch fast um zwei Monate verschleppt“, sagt die Meeresbiologie-Professorin Kim – zu lange für sie. Ihr elfköpfiges Expeditionsteam musste zu Hause bleiben, der Roboter SCINI kehrte ohne Tauchgang zurück.

Das Wissenschaftsmagazin „Science“ schreibt über Kims Team und druckt ein Foto von der Meeresbiologin im Taucheranzug. Unter dem Titel: „Trockengelegt“. Dorota Szuta nimmt es mit Galgenhumor: „Es ist der Traum jedes Forschers, in ,Science‘ zu veröffentlichen. Jetzt haben wir es endlich geschafft!“

Dabei ist ihr nicht zum Lachen zumute. Eigentlich wollte sie drei Monate lang in der Antarktis Daten für ihre Masterarbeit sammeln und dann ihren Abschluss machen. Nun muss sie an der University of California in Santa Cruz eingeschrieben bleiben und kann nicht einmal Kurse besuchen, denn für die hätte sie sich längst anmelden müssen. Das Jahr ist verloren, trotzdem muss sie die Studiengebühr von 10.500 Dollar zahlen. Leisten kann sie sich das nur mit einem neuen Studienkredit, der sie über Jahre belasten wird. „Zumindest meine Mutter war wohl erleichtert, dass die Fahrt abgesagt wurde“, sagt die Studentin, die nun immerhin Weihnachten zu Hause verbringen konnte.

28 von 77 geplanten Forschungsprojekten der Saison wurden komplett gestrichen, hinter jedem einzelnen stecken Karrieren und Hoffnungen von Nachwuchswissenschaftlern auf die erste Veröffentlichung mit eigenen Daten.

Gut hundert Wissenschaftlern wird die Reise am Ende verwehrt, ein Großteil von ihnen Studenten und Doktoranden – und viele von ihnen werden keine weitere Chance bekommen, mit einer eigenen Expedition in der Wissenschaftswelt Fuß zu fassen. Ihnen bleibt nur die Arbeit mit Daten, die andere nach Hause bringen.

Das Schicksal ihrer Studenten geht Stacy Kim sichtbar an die Nieren. „Ich weiß, dass es nicht mein Fehler ist, aber es fühlt sich so an“, sagt die Professorin. Ihre Stelle ist zwar sicher, doch ihre Forschung – und damit ihre Doktoranden, Studenten, Mitarbeiter – hängt komplett von öffentlichen Geldern ab. Über Monate weiß sie nicht, ob ihr Team überhaupt bestehen bleibt und ob es die Forschungsreise im nächsten Jahr nachholen kann. Ein Techniker, der den Tauchroboter SCINI mitentwickelt hat, hält die Unsicherheit nicht mehr aus und nimmt einen anderen Job an. Kim muss einen neuen Ingenieur einarbeiten. Als ihre Expedition doch noch genehmigt wird, ist ihr Vorhaben fast 40 Prozent teurer geworden.

Der Shutdown hat das Vertrauen der Professorin in das US-Forschungssystem erschüttert, das so leicht von der Politik aus dem Tritt gebracht werden kann. „Wir wissen jetzt, dass unsere Regierung jederzeit herunterfahren kann“, sagt sie. „Können wir dann überhaupt noch daran glauben, dass die nächste Forschungsreise klappt?“ In den letzten 15 Jahren ihrer Karriere hat sie immer gewusst, dass beantragte Gelder gezahlt werden, nachdem sie bewilligt waren. Jetzt glaubt sie nichts mehr. In den Monaten nach dem Shutdown hat sie mehrfach über berufliche Alternativen nachgedacht. Mit 52 Jahren findet sie sich zu alt für einen Neustart außerhalb der akademischen Welt. Nun liebäugelt sie mit einer anderen Forschungsnation, Neuseeland vielleicht.

Dorota Szuta steht längst wieder auf dem Parkplatz am kalifornischen Pazifikufer – mit drei Schichten Kleidung unter dem dicken Neoprenanzug. Sie will unbedingt ihren Abschluss machen, unbedingt in die Antarktis reisen und eigene Daten sammeln, auch wenn sie sich dafür weiter verschuldet. Was wäre denn auch die Alternative, fragt die Studentin, „für unsere Generation sind die Zeiten sowieso unsicher. Das fühlt sich inzwischen normal an.“

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