Gehet hin und messet!

Erdbeobachtungssatelliten sind eine feine Sache: Noch nie konnten Wissenschaftler so gut beobachten, wie die polaren Eismassen sich verändern. Und doch gibt es bis heute keinen Ersatz für frostige Ortstermine.

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Der Zipfel oben links - das ist die Antarktische Halbinsel, deren Eisdecke dicker sein soll als bisher angenommen. In Rot: Die deutsche Forschungsstation Neumayer III und die amerikanischen Stationen Palmer und McMurdo.
Eigentlich ist es ja eine Binsenweisheit: Man kann nur das mit Sicherheit behaupten, was man selbst gesehen hat. Ferndiagnosen stehen meist auf wackeligen Füßen. Was sich in diesem Sommer auch die globale Gemeinschaft der Gletscherforscher eingestehen musste.

Trotz Klimawandel melden sie seit Jahren: Das antarktische Eis wird dicker. Diese Aussagen beruhen meistens auf Daten von Erdbeobachtungssatelliten. Für die Eisbeobachtung hat zum Beispiel die Nasa IceSat in den Orbit geschossen, das Pendant der europäischen Raumfahrtagentur Esa heißt CryoSat 2.

Und hier scheint bei der Datenanalyse einiges schiefgegangen zu sein, wenn man Ian Eisenmann glauben darf. Die angebliche Zunahme der Eisdicke sei nur ein Artefakt, schreibt der Glaziologe von der University of California in San Diego (The Cryosphere, 8, S. 1289–1296, 2014).

Das freut natürlich den Weltuntergangs-Aficionado, der sich nun wieder auf eine zünftige Polkappenschmelze einstellen kann. Aber auch die “Es wird schon nicht so schlimm werden”-Fraktion darf sich dieser Tage bestätigt fühlen: Nur einen Monat nach Eisenmanns Rechenwatsche erschien im selben Fachmagazin ein Beitrag von Wissenschaftlern des Geoforschungszentrums (GFZ) in Potsdam.

Bedmap-GFZ
Je röter die Karte, umso dünner ist das Eis an der jeweiligen Stelle. Die Werte der GFZ-Studie (unten) zeigen eine deutlich dickere Eisdecke.<br /> (Fretwell et al. , 2013/ M. Huss und D. Farinotti, 2014)
Inhalt: Die Eisbedeckung der Antarktischen Halbinsel – das ist der Wurmfortsatz, den die Antarktis Südamerika entgegenstreckt – ist um fast 50 Prozent höher als bisher angenommen. Die alten Daten stammten aus dem Forschungsprojekt Bedmap2, das zu großen Teilen auf Aufnahmen des Nasa-Satelliten IceSat setzte. Für die neue Studie ist man ein bisschen näher herangegangen: Die Daten stammen aus Messflügen der Kampagne Operation Ice Bridge (The Cryosphere, 8, S. 1261–1273, 2014).

Bei diesem Projekt überqueren Flugzeuge mit elektromagnetischen Sonden die Antarktis. Und das ist nur ein Teil der Arbeit, die nötig ist, um wirklich zu erfassen, wie es gerade um die Eisbedeckung der Pole steht. Forscher schwärmen aus mit Motorschlitten, setzen seismische Verfahren und Tauchroboter ein. Diese Art von Polarforschung ist aufwendig und nicht ungefährlich, fast jede Saison werden Schiffe vom Eis eingeschlossen, verlieren Teams den Kontakt mit der Basis, müssen Piloten kritische Situationen ganz auf sich gestellt meistern.

Freuen wir uns, dass es begeisterte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die sich auf dieses Abenteuer einlassen.

Was es heißt, in einer der lebensfeindlichsten Umgebungen unseres Planeten zu forschen, lest Ihr in Karl Urbans Geschichte “Eingebrochen”, die wir gerade veröffentlicht haben. Darin müssen sich die Wissenschaftler mit einer ganz neuen Gefahr für ihre Arbeit auseinandersetzen.